Zugvogel-Newsletter Nr. 4, August 2006
Vogelzug ist in vollem Gange
Die
wochenlangen hochsommerlichen Temperaturen von Anfang Juni bis Ende
Juli haben auch den Vögeln zugesetzt. So hatten die Kraniche in manchen
Brutgebieten nur geringen Bruterfolg, weil ihre sonst vom Wasser
umgebenen Nester durch den niedrigen Wasserstand für Fressfeinde
erreichbar wurden. Dagegen fanden Arten wie etwa der Mauersegler
hervorragende Brutbedingungen vor. Während wir noch auf eine Rückkehr
des Sommers hoffen, ist der Vogelzug schon voll im Gange: Die meisten
Mauersegler, Pirole und Nachtigallen befinden sich schon seit Anfang
August auf dem Weg nach Süden. Das kühle August-Wetter hat
aber auch einige Arten überrascht und zu Zugstau geführt. Am Bodensee
oder etwa im Nymphenburger Park in München waren noch Mitte August
große Mauersegler-Trupps zu sehen, die über den Feuchtgebieten nach
Insekten suchten.
Kaiseradler - Geflügelte Babysitter
Im
Hügelland von Sakar am südöstlichen Ende des Grünen Bands Europa (das
dem früheren Verlauf des Eisernen Vorhangs zwischen Ost- und Westblock
entspricht) brüten die letzten Kaiseradler (
Aquila heliaca)
Bulgariens. EuroNatur engagiert sich mit dem bulgarischen Partner
„Green Balkans" und mit Unterstützung der Deutschen Lufthansa für den
Schutz der Adler und die Einrichtung von Schutzgebieten. Damit es auch
künftig genügend Horstbäume gibt, haben Green-Balkans-Mitarbeiter an
den Ufern kleiner Flüsse Pappeln gepflanzt. Diese Bäume gehören bei
Bulgariens Kaiseradlern heutzutage zu den beliebtesten Nistplätzen.
Ihre Vorfahren hatten auf alten Eichen gebrütet, die einzeln inmitten
der Felder standen. Diesem Nistplatz verdanken die Vögel in Bulgarien
ihren Ruf als geflügelte Babysitter. Bäuerinnen nahmen damals ihre
Kleinkinder mangels anderer Betreuung mit zur Feldarbeit - und legten
die Kinder gerne unter einen Baum mit Adlerhorst. "Da Kaiseradler die
Umgebung ihres Nestes gegen Füchse, Wölfe und andere Raubtiere
verteidigen, galten solche Bäume als sicherer Platz", sagt Dimitar
Popov von Green Balkans. Inzwischen sind die Verhältnisse anders: Heute
brauchen die ehemaligen Beschützer selber Schutz. Lesen Sie den
gesamten Artikel
"Eine Allianz für den Kaiseradler" in der Berliner Zeitung vom 4.7.2006.
Zwergseeschwalbe - Botschafter für die Drau
Die Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons)
ist nur etwa so groß wie ein Buntspecht und damit die kleinste
Seeschwalbe Europas. Sie verbringt als typischer Langstreckenzieher den
Winter in West- und Südafrika. Im 19. Jahrhundert brütete die
Zwergseeschwalbe noch an fast allen großen mitteleuropäischen Flüssen -
heute sind die Brutvorkommen hauptsächlich auf die Küsten von Nord- und
Ostsee beschränkt. An Flüssen brüten die zierlichen Vögel auf
vegetationsarmen Kies- und Sandbänken - Bedingungen, die nur eine
natürliche Flussdynamik mit periodischen Überschwemmungen bietet und
die man in Europa leider nur noch an ganz wenigen Flüssen vorfindet
(Loire, Weichsel, Drau). Der Restbestand an der Drau wird auf nur noch
10 - 15 Paare geschätzt, die unter anderem im ungarischen
Donau-Drau-Nationalpark brüten. In dem Gebiet konnte der Nationalpark
im Jahr 2000 durch die Unterstützung von EuroNatur und dem Eeconet
Action Fund rund 370 Hektar Land kaufen und damit die Brutinseln der
Seeschwalben in den Nationalpark integrieren.
Auch das EuroNatur-Projekt in der
Saline von Ulcinj an der montenegrinischen Adriaküste schützt
Zwergseeschwalben: Extra für sie hat EuroNatur künstliche Brutplätze
angelegt, so dass dort inzwischen wieder über 100 Paare brüten. Mehr
Informationen zu Zwergseeschwalben und dem Naturschutz an der Drau
unter
www.sterna-albifrons.net (englische Seite).
Rekordzugvogel: 64.000 Kilometer in 200 Tagen
Der Dunkle Sturmtaucher (Puffinus griseus)
ist der ausdauerndste Wandervogel unter den Zugvögeln. Die Forscher um
Scott A. Shaffer von der Universität in Santa Cruz/Kalifornien staunten
nicht schlecht über die Daten, die sie über Satellit von 19 mit
Minisendern ausgestatteten Sturmtauchern empfangen hatten. Denn der
gerade mal etwa 800 Gramm schwere Seevogel schlägt alle bislang
aufgezeichneten Zugvogel-Rekorde. Die Vögel verlassen im April ihre
Brutkolonien vor Neuseeland und fliegen dann weit verstreut nach Norden
über den gesamten Pazifik. Unterwegs besuchen sie die nahrungsreichen
Meeresregionen vor Kalifornien, Alaska, Japan und Kamtschatka, bis sie
im Oktober fast zeitgleich wieder nach Süden zurückkehren. Im Schnitt
legten die Vögel während des Zugs 64.037 Kilometer in 198 Tagen zurück.
Die höchste an einem Tag von einem Sturmtaucher zurückgelegte Strecke
betrug 1.096 Kilometer. Die Tiere ernähren sich hauptsächlich von
kleinen Fischen, Tintenfischen und Krill, die sie an der
Wasseroberfläche oder tauchend erbeuten. Sie tauchen meist zwischen 2
und 25 Metern tief, können jedoch bis in Tiefen von 60 bis 70 Meter (!)
vorstoßen. Die Art ist mit geschätzten mehreren Millionen Individuen
eine der häufigsten Vogelarten der Welt, befindet sich aber seit
einigen Jahren im Rückgang. Die Gründe dafür werden im Klimawandel und
im intensiven Fischfang vermutet. Die Dunklen Sturmtaucher könnten sich
als wichtige Indikatorart für die Auswirkungen der globalen
Klimaveränderung und den ökologischen Zustand der Meere erweisen.
www.toppcensus.org - Schöne englische Seite mit Fotos, Animationen und Karten zu den Flugrouten der Sturmtaucher.
Prespa-See - der Pelikan-See
Seit
Anfang der 90er Jahre arbeitet EuroNatur mit Unterstützung des
Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, der
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der Deutschen Lufthansa
im Dreiländereck Albanien, Mazedonien, Griechenland für den Schutz von
Ohrid- und Prespasee. EuroNatur und seine Partner waren maßgeblich an
der Einrichtung und am Aufbau des 270 Quadratkilometer großen
Prespa-Nationalparks in Albanien beteiligt. Rosapelikane (Pelecanus onocrotalus) und Krauskopfpelikane (Pelecanus crispus)
brüten am Prespa-See und durch die Schutzbemühungen hat sich ihr
Bestand stabilisiert. Dieses Jahr zählte man 300 Paare Rosa Pelikane
und 1.100 Paare Krauskopfpelikane. Der Prespa-See beherbergt damit die
größte Brutkolonie des Krauskopfpelikans, von dem es weltweit nur noch
etwa 10.000 -20.000 Tiere gibt. Im Gebiet leben neben den Pelikanen
auch Wölfe, Luchse und Bären, Goldschakale und Kaiseradler,
Würfelnattern, Sumpfschildkröten und Zwergscharben (mit 450 bis 630
Paaren, die größte Brutkolonie innerhalb der EU).
Pleidelsheimer Wiesental und Altneckar
Mitten
im Ballungsraum der Region Stuttgart konnte mit Hilfe von EuroNatur und
vielen Partnern ein natürliches Stück Neckar bis heute erhalten werden.
Im Flussbett Kies- und Sandbänke, dazwischen flache Mulden,
Abbruchwände an den Ufern, umgeben von Busch- und Baumweiden, zeigen
den Neckar, wie er vor seinem Ausbau ausgesehen hat. Die grüne
Oase hat sich zu einem wichtigen Zugvogellebensraum entwickelt. Pirol,
Nachtigall und Graureiher brüten hier. Im Frühjahr und Herbst nutzen
Krick-, Reiher- und Tafelenten, Watvögel wie Bekassine und Rotschenkel
und sogar Fischadler und Nachtreiher die Schutzgebiete als Rastplatz.
Am Pleidelsheimer See konnte erst kürzlich eine Besucherplattform
eingeweiht werden und ein neues Faltblatt informiert Besucher und
Anwohner über das Gebiet.
Netzwerk Europäische Storchendörfer
Seit
1994 hat EuroNatur neun europäische Gemeinden, die sich vorbildlich für
den Schutz des Weißstorches und seines Lebensraumes eingesetzt haben,
mit dem Titel "Europäisches Storchendorf" geehrt. Bei der
internationalen Konferenz der Storchendörfer an der Elbe in
Rühstädt/Brandenburg Ende Juli 2006 kamen nun Vertreter aus fast allen
Dörfern und Storchexperten aus ganz Europa zusammen, um die gemeinsamen
Anstrengungen zum Schutz der Störche zu koordinieren und Erfahrungen
auszutauschen. Die Ergebnisse der Konferenz wurden in der
"Rühstädter Erklärung" zusammengefasst. Außerdem wurde eine
Petition zur Abschaffung bzw. Modernisierung von für Störche und andere Vögel tödlichen Stommasten verfasst.
Syrische Waldrappe besendert
Wissenschaftlern
der englischen Vogelschutzgesellschaft RSPB ist es im Juni gelungen
drei der verbliebenen sieben adulten Waldrappe (Geronticus eremita)
in Syrien mit Mini-Sendern zu versehen, so dass nun Hoffnung besteht
herauszufinden, wo die Tiere überwintern und daraufhin entsprechende
Schutzmaßnahmen einzuleiten. "Sultan", "Zenobia" und "Salam" waren bis
Mitte August bereits bis in den Jemen geflogen. Die letzten syrischen
Waldrappe waren erst vor vier Jahren entdeckt worden. EuroNatur
unterstützt seit vielen Jahren das Rangerprogramm des marokkanischen
Nationalparks Souss-Massa, das die letzte größere Kolonie wildlebender
Waldrappe schützt.
Die Zugvogel-Schutzprojekte von EuroNatur werden von unseren Spendern und Förderern und der Deutschen Lufthansa unterstützt.