Zugvogel-Newsletter Nr. 5, November 2006
Inhalt
Saline Ulcinj in Montenegro: Nisthilfen für die Blauracke
Zehn Blauracken-Brutkästen wurden im Rahmen des neuen Adriatic Flyway Projektes von EuroNatur (siehe nächste Meldung) Ende September in der Saline Ulcinj aufgehängt. Das Bojana-Delta an der Grenze Montenegro-Albanien ist das letzte bekannte Brutverkommen dieses farbenprächtigen Zugvogels an der Adriaküste. Außerdem wurden die beiden Beobachtungstürme in der Saline fertiggestellt und mit zahlreichen Nist- und Unterschlupfmöglichkeiten unter anderem auch für Fledermäuse versehen.
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 Beobachtungsturm in der Saline Ulcinj
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Bei Bestandszählungen identifizierten EuroNatur-Mitarbeiter mehrere aus Ungarn und Kroatien stammende Löffler, die im letzten Winter bereits in Tunesien gesichtet worden waren. Fast 10.000 Wasservögel rasteten in der Saline. Darunter 51 Löffler, sechs Fischadler, eine Flamingo-Familie aus dem spanischen Ebro-Delta und bis zu 50 Krauskopfpelikane aus Albanien und Griechenland.
Vogelzug über die Adria
Im Juli 2006 fiel der Startschuss für ein neues EuroNatur-Projekt zum Schutz und modellhaften Management von Feuchtgebieten entlang der Zugroute, die quer über den Balkan, die Adria und Süditalien bis nach Afrika führt (Adriatic Flyway). Die Adria-Zugroute ist vielen unbekannt und doch eine der Hauptzugrouten europäischer Zugvögel (in der Karte rot markiert).
Für das Projekt wurden drei Feuchtgebiete ausgewählt: Das Livansko-Polje in Bosnien, das Neretva-Delta in Kroatien und das Bojana-Buna-Delta (mit dem Skutari-See und der Saline Ulcinj) an der Grenze von Albanien und Montenegro. Zur Arbeit vor Ort gehören neben den direkten Naturschutzmaßnahmen die Schulung von Rangern, eine Verbesserung der Besucherlenkung und die Stärkung des Naturtourismus. Das Projekt wird in Kooperation mit dem WWF durchgeführt und von der Mava-Stiftung unterstützt.
Vogelgrippe – Situation vor dem Winter
Das H5N1 Virus befindet sich immer noch in Deutschland. Das hat der Fall eines infizierten Trauerschwans Anfang August im Dresdner Zoo gezeigt. Durch die sinkenden Temperaturen, bei denen das Virus länger ansteckungsfähig bleibt und die in manchen Gebieten durch den Vogelzug bedingten höheren Wasservogeldichten, sind die Voraussetzungen für einen Ausbruch der Tierseuche jetzt wieder gestiegen. Unter den Wildvögeln kommen vor allem Enten, Gänse und Schwäne als Virusträger in Frage. Allerdings gilt es inzwischen als erwiesen, dass andere Übertragungswege wie illegale Fleischimporte, der Handel mit lebenden Tieren und Massentierhaltung je nach Region eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen. Quelle: Interview mit Thomas Mettenleiter vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI) in der Frankfurter Rundschau vom 12.10.2006
Slano Kopovo – Treffpunkt der Kraniche und Falken in Serbien
Slano Kopovo liegt im Zentrum der nordserbischen Provinz Vojvodina zwischen Theiß und Donau. In dem Mosaik aus trockenem Grasland und teils sumpfigen, teils salzhaltigen und saisonal überfluteten Flächen rasten regelmäßig weit über 20.000 Zugvögel. Allein 15.000 – 20.000 Kraniche landen im Herbst jeden Abend laut rufend in den salzigen Flachwasserzonen. Hinzu kommen bis zu 5.000 Gänse und ebenso viele Enten. Bereits zehn Jahre bevor im Jahre 2001 das knapp 1.000 Hektar große Gebiet unter Naturschutz gestellt wurde, verzichteten die Jäger aus der kleinen Stadt Novi Becej an der Theiß freiwillig auf ihr Jagdrecht und schufen so ein Vogelparadies. Bis zu 35 Säbelschnäbler suchten in der Brutsaison 2006 in der Salzlacke nach Nahrung, zehn Paare Rotschenkel brüteten in den Feuchtwiesen und zehn Paare der Rohrweihe zogen über dem Schilf ihre Kreise. Dazwischen war der markante Ruf der Bekassine zu hören und von der Theiß kamen die Seeadler zum Jagen in das Gebiet. Bis zu fünf der majestätischen Greifvögel waren nach dem Ausfliegen der Jungen an der Wasserfläche auf der Suche nach leichter Beute unter den Enten und Gänsen. Besonders beeindruckend ist es auch, die Jagd der Rotfußfalken auf große Insekten und die Jagd der Würgfalken auf Ziesel und Hamster zu beobachten. Die beiden bedrohten Falkenarten nutzen den Nahrungsreichtum des Gebietes im Sommer. Dennoch ist Slano Kopovo gefährdet. Durch Kanalisierungsarbeiten für den Donau-Theiß-Kanal ist der Grundwasserspiegel dramatisch gesunken und ehemalige Überschwemmungsflächen trocknen zunehmend aus. EuroNatur bittet dringend um Spenden für notwendige Renaturierungsarbeiten und zum Kauf von bislang landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Kernzone des Schutzgebietes.
Vogeljäger töten über 100 Millionen Wildvögel pro Jahr
Nach einer in der Fachzeitschrift „Berichte zum Vogelschutz (Nr. 42)“ publizierten Studie, in der Daten aus 27 europäischen Ländern ausgewertet wurden (hauptsächlich Angaben der offiziellen Jagdstrecken der Behörden), werden in Europa jedes Jahr weit über 100 Millionen Vögel legal geschossen oder gefangen. An die Spitze der Statistik haben sich mit mehr als 25 Millionen toten Vögeln die französischen Jäger geschossen, dicht gefolgt von ihren Kollegen aus Großbritannien (22 Millionen) und Italien (17 Millionen). Beliebteste Jagdbeute sind Singvögel wie Lerchen, Amseln oder Drosseln, die rund ein Drittel der Gesamtstrecke ausmachen. Aber auch Millionen Hühnervögel, Tauben, Watvögel, Rallen, Enten und Gänse werden getötet. Dabei wird keine Rücksicht auf in ihrem Bestand rückläufige Arten wie Feldlerche, Kiebitz, Wachtel oder Bekassine genommen. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass die Jagd für zahlreiche europäische Vogelarten einen bedeutenden Mortalitätsfaktor darstellt. Die Dunkelziffer der illegalen Jagd ist mit Sicherheit hoch. Außerdem wurden in der Studie die meisten Länder Südosteuropas nicht berücksichtigt, wo ebenfalls jedes Jahr Hunderttausende Zugvögel weitgehend unkontrolliert geschossen werden. Dass es auch anders geht, zeigen die Jäger im serbischen Slano Kopovo (siehe vorige Meldung).
Bezug der Studie über den Deutschen Rat für Vogelschutz:
www.drv-web.de
Vogeljagd: Weitere Nachrichten
Malta: Weiterhin hohe Zugaktivität über Malta. Leider auch mit entsprechend hohen Opferzahlen. Die Polizeieinsatztruppe ist nach wie vor überfordert und bekommt von Regierungsseite nicht die notwendige politische Unterstützung. Trotzdem konnten etliche illegale Jäger auf frischer Tat ertappt werden. Sie wurden verhaftet, ihre Waffen und in einem Fall auch ein Boot wurden konfisziert. Die Jäger gehen nun teilweise dazu über, geschossene Vögel nicht mehr einzusammeln (und damit eine Überführung bei illegalen Abschüssen praktisch unmöglich zu machen), um zu zeigen, dass sie sich nicht von Verboten hindern lassen werden, weiter nach Belieben zu jagen.
Bulgarien: EuroNatur-Partner Green Balkans, der ein Rehabilitationszentrum für verletzte Wildtiere betreibt, berichtet von einem alarmierenden Anstieg verletzter Vögel geschützter Arten nach der Eröffnung der Jagdsaison am 15. August. Als Reaktion darauf hat Green Balkans ein Protestschreiben an die zuständigen Behörden gerichtet und wird mit eigenen Kontrollen die Arbeit der Polizei unterstützen. Quelle:
Green Balkans München: Am Münchener Flughafen Erding entdeckten Zollbeamte Mitte Oktober in den Koffern einer italienischen Reisegruppe exakt 2.643 tote Wiesenpieper (Anthus pratensis). Die Tiere stammten nach Angaben der Reisenden aus Rumänien und waren für Restaurants in Italien bestimmt, wo sie als Delikatesse verkauft werden sollten. Quelle:
www.komitee.de
Syrische Waldrappe überwintern in Äthiopien
"Sultan", "Zenobia" und "Salam" , die drei im Sommer 2006 in Syrien besenderten Waldrappe sind über den Jemen, und die Meerenge von Bab al-Mandab 3.100 km bis in das Hochland von Äthiopien geflogen. Insgesamt hatten im Juli 13 Vögel (2 Brutpaare, 6 Jungtiere und 3 Subadulte) die kleine Kolonie bei Palmyra in Syrien verlassen. Anfang Oktober konnten die vier adulten Tiere im äthiopischen Hochland lokalisiert werden. Der Verbleib der jüngeren Tiere ist weiter unklar. EuroNatur unterstützt seit vielen Jahren das Rangerprogramm des marokkanischen Nationalparks Souss-Massa, das die letzte größere Kolonie wildlebender Waldrappe schützt.
Geiern in Spanien geht das Aas aus
Seit der BSE-Krise dürfen in der EU keine Nutztierkadaver mehr dem natürlichen Kreislauf überlassen werden. In Deutschland, wo ohnehin seit längerem sämtliche Kadaver in Tierkörperbeseitigungsanlagen landen, hat sich durch die entsprechende EU-Verordnung (1774/2002) nichts geändert. In Spanien, Portugal oder Griechenland jedoch gibt es auch Gebiete, in denen die Bauern seit jeher ihre toten Tiere an sogenannte Luderplätze brachten, um sie dort von Bären, Wölfen, Geiern, Raben und anderen Aasfressern natürlich verwerten zu lassen. Seit das nicht mehr erlaubt ist, fehlen den Wildtieren allein im spanischen Asturien nach Schätzungen von EuroNatur über 3.000 Tonnen Nahrung im Jahr. Vielleicht erklärt diese Problematik auch das Auftauchen von Gänsegeiern in Deutschland im Mai und Juni 2006. Experten vermuten, dass der Mangel an Nahrung in Spanien und Frankreich die Tiere auf Erkundungsreise in den Norden schickte. EuroNatur wird mit Unterstützung der Heidehof-Stiftung auf europäischer Ebene und gemeinsam mit den spanischen Partnern auf eine Änderung der Richtlinie hinwirken, für die es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen keine plausible Begründung gibt. Einzige Profiteure sind die Tierkörperbeseitigungsanlagen, denn die Entsorgung ist ein einträgliches Geschäft.
Weißstorch: Stromtod in Spanien
Das traurige Schicksal eines Weißstorch-Pfleglings aus Schleswig-Holstein zeigt, wie notwendig die Arbeit für vogelsichere Strommasten nach wie vor ist: 2005 in Hohenfelde-Halenbrook (Kreis Steinburg) erbrütet, wird der junge Storch am 18. Juli 2005 als kleinstes von vier Geschwistern in die Vogelpflegestelle des Wildparks Eekholt (Kreis Segeberg) eingeliefert. Er verbringt den Winter in der Voliere und wird Anfang Juni 2006 in Eekholt ausgewildert. Am 23. Juli wird er in Norderheistedt (Kreis Dithmarschen) beobachtet (Ringablesung) wie er zusammen mit einem zweiten Storch auf einem Hausdach übernachtet. Am 17. August wird er, diesmal in Gesellschaft weiterer Störche beobachtet, bevor er Ende August artgerecht in den Süden abzieht. Nach über 1.500 km Zugstrecke stirbt er am 29. September 2006 in Sant Marti de Malda (Katalonien, westlich Barcelona) an einem ungesicherten Strommasten.
Die Zugvogel-Schutzprojekte von EuroNatur werden von unseren Spendern und Förderern sowie der Deutschen Lufthansa unterstützt.