Aggressivität ist durchaus keine typische Bäreneigenschaft. Allerdings sollte man Bärinnen mit Jungen lieber aus dem Weg gehen. Sie könnten menschliche Neugierde für Angriffslust halten.
Bienenstock: Bären mögen Honig, das weiß jedes Kind. Aber Elektrozäune um Bienenstöcke können ihnen den Appetit verderben.
Circus: Bären lernen schnell und leicht, sie wissen aber auch, dass sie im Ernstfall die Stärkeren sind. Der dressierte Tanzbär von einst wurde mit Beißkorb, Nasenring und glühenden Eisen brutal unterworfen; moderne Dompteure arbeiten nicht mit Zwang sondern mit Wissen: Sie müssen ihre "Mitarbeiter" durch und durch kennen, denn die undurchsichtige Miene eines Bären verrät nichts über seine Stimmung.
Deckung ist für Bären so wichtig wie für andere scheue Wildtiere. Ein guter "Bärenwald" soll reichlich Unterwuchs haben, um vor störenden Blicken zu schützen. Und Störenfriede waren für den Bären von jeher die Menschen.
Einzelgänger: Bären sind - wenn irgend möglich - gern mit sich allein. Allerdings halten junge Geschwister oft auch dann noch zusammen, wenn sie sich längst von der Mutter getrennt haben. Wenn erstklassige Futterplätze (wandernde Lachse, Hecken voller Wildfrüchte oder Beerenfelder) Bären im weiten Umkreis anlocken, tolerieren sich auch erwachsene Tiere.
Fortpflanzung: Die Tragezeit von Braunbären war lange Zeit ein Rätsel, denn sechs Monate Trächtigkeit waren ebenso normal wie neun Monate. Der Grund: Die befruchteten Eier machen eine unterschiedlich lange Entwicklungspause durch. Diese "Keimruhe" synchronisiert die Geburten, trotz der über Monate ausgedehnten Paarungszeit, in etwa auf Dezember/Januar, wenn die Bärin im Winterlager döst. Von Jungbären lässt sich übrigens kaum sagen, dass sie "das Licht der Welt erblicken". Sie sind bei der Geburt blind, völlig hilflos und kleiner als Meerschweinchen.
Grizzly: Der Bär als blutrünstige Bestie - diesen schlechten Ruf hat die Sippe wohl dem nordamerikanischen Braunbär, dem Grizzly zu verdanken. Er ist weit weniger scheu und viel aggressiver als die europäische Unterart. Biologen vermuten, dass der Grizzly seine Angriffslust in der baumlosen Kältesteppe der Eiszeit erworben hat, um seine Jungen gegen wehrhafte Säbelzahntiger und Höhlenlöwen verteidigen zu können.
Höhlenbär wurde nach dem Fundort seiner Knochenüberreste ein Bär genannt, der so groß wie ein Grizzly und fast reiner Vegetarier war. Vermutlich wurde die mächtige Bärenart ein Opfer der Inzucht (s. u.): Die kleinen Populationen waren genetisch zu erstarrt, um sich dem veränderten Klima der nächsten Eiszeit anpassen zu können und starben aus.
Inzucht: Verpaaren sich eng verwandte Lebewesen ständig miteinander, dann entstehen einheitliche, wenig wandlungsfähige Rassen. Was in der Tier- und Pflanzenzucht gängige Methode ist, bedeutet für den Fortbestand einer Art eine große Gefahr: Einmal können sich durch Inzucht genetische Defekte rasch ausbreiten, zum anderen sind Tierbestände mit geringer genetischer Elastizität nicht mehr imstande, sich den wechselnden Umweltbedingungen anzupassen.
Jagd auf Bären hat sich ebenso förderlich wie ungünstig auf ihre Bestände ausgewirkt. Einerseits schützten jagdlustige Fürsten wie Kaiser Maximilian von Österreich das Bärwild vor dem Zorn der Bauern, und bis heute haben Bären in Osteuropa gute Zukunftsaussichten, weil sie devisenschwere Jäger ins Land bringen. Andererseits hat gerade die direkte Verfolgung mit Pulver und Blei den Bären europaweit ins Abseits gedrängt.
Korridor: Wo Bären ihresgleichen zu oft begegnen, wandern sie ab, auf uralten Wanderrouten. Heute sind diese Routen oft waldfrei oder von Straßen durchschnitten. Wenn es gelänge, geschützte Korridore dort auszuweisen, wo die unsichtbaren Pfade der Bären verlaufen, wäre ihre Rückkehr in die Alpen keine Utopie mehr: In Österreich haben sich bereits einige der Wanderer niedergelassen; mit geschickter Planung ließen sich die Immigranten wohl auch nach Friaul und Südtirol lotsen.
Luderplätze sind gewissermaßen Snackbars für Bären. Mit Schlachtabfällen, Kadavern alter Pferde und Rinder und mit Mais beschickt, haben sie in Osteuropa zwei Aufgaben: Einmal sollen sie Bären von Weidevieh und Feldfrüchten ablenken. Zum anderen sind Luderplätze ein probates Mittel, um Bären quasi auf Bestellung für Jäger bereitzuhalten.
Mythos: Bären waren nie eine gewöhnliche Beute. Der jagende Mensch muss schwerste Konflikte ausgestanden haben, wenn er ein Tier aß, das sich wie ein Mensch bewegte und über die Kraft eines Dämons verfügte. Ausführliche Beschwichtigungsrituale sollten diese Schuld tilgen: Die Sioux in Nordamerika behängten sich nach erfolgreicher Bärenjagd mit dem Fell des Opfers und tanzten tagelang, um den Bärengeist zu versöhnen. Die Lappen in Skandinavien setzten die Knochen ihrer Beute wieder zum vollständigen Skelett zusammen und beerdigten es. Die asiatischen Giljaken hielten zu Ehren getöteter Bären Trauerfeiern ab, als sei ein lieber Verwandter gestorben. Und bei uns plaziert man Babies zum Phototermin gern auf künstliche Eisbärfelle.
Nahrungswahl ist kein besonders passender Ausdruck, denn Bären können es sich nicht leisten zu wählen. Sie fressen, was sie finden können: Wurzeln, Beeren, Früchte, Baumharz und saftige Stengel ebenso wie Bienenwaben, Insektenlarven, Mäusenester oder gefundenes Aas. Wenn sie einmal fündig geworden sind, dann nehmen sie gern reichlich vom Selben: möglichst nur Lachse oder nur Beeren.
Obstgärten ziehen Bären magisch an, vorausgesetzt, der schützende Wald ist nicht allzu weit entfernt. Menschen aber sehen es nicht gern, wenn ein anderer die Früchte ihrer Arbeit erntet. Lange Zeit galten Bären deshalb als Schädlinge. Erst in jüngster Zeit gelang es, den Konflikt in Bärengebieten mittels Entschädigungszahlungen zu entschärfen. Im Trentino haben Bärenfreunde sogar eigens einen Obstgarten gepachtet - für hungrige Bären.
Parasiten plagen Bären ebenso wie jedes andere Wildtier. Aber einmal im Jahr unterziehen sich die Petze einer höchst wirksamen Entwurmungskur: da sie während der Winterruhe monatelang nichts fressen, fehlt ihren Eingeweidewürmern der Nachschub. Deshalb verlassen diese bei Winterbeginn die Gedärme.
Rote Liste ist weder eine endgültige noch eine vollständige Aufzählung gefährdeter Lebewesen. Jedes Land hat seine eigene Rote Liste, und jedes Jahr müsste diese eigentlich aktualisiert werden. Der Braunbär ist als Art zwar nicht unmittelbar bedroht, dennoch rangiert er auf den Roten Listen Deutschlands und der Schweiz längst unter "ausgestorben" und in Österreich und Italien gilt er als "vom Aussterben bedroht" - ein Umstand, der weder so sein müsste noch so bleiben muss.
Sinne: Bären scheinen wandelnde Empfangsstationen für alle Arten von Sinneseindrücken zu sein: Sie können Aas aus 19 Kilometer Entfernung riechen, hören menschliche Stimmen noch in 270 Meter Entfernung und sehen kleinste Bewegungen selbst noch aus dem Augenwinkel. A propos Sehen: Wer Bären direkt ansieht, hat ihnen in ihrer Sprache eine Kampfansage gemacht.
Tourismus im Bärengebiet verlangt eine Menge Fingerspitzengefühl. Grundfalsch wäre es, die Bären mittels Schaufütterungen an den Menschen zu gewöhnen, wie es in den Vereinigten Staaten und in der Tschechoslowakei eine Zeitlang betrieben wurde. Bären müssen scheu bleiben. Und sie müssen sich darauf "verlassen" können, dass Wanderer in der Regel auf den Wegen bleiben. Haben die Tiere gelernt, dass der Mensch weder Nahrungslieferant noch Gefahr ist, sind keine Zusammenstöße zu befürchten; die Bären im Trentino und in den Abruzzen beweisen es seit Menschengedenken.
Ursus arctos ist der lateinische Name für den Braunbären, aber den Braunbären gibt es eigentlich gar nicht. In mehreren Unterarten ist der Braunbär über Europa, Asien und Nordamerika verbreitet. Die größten Bären Alaskas werden drei Meter lang und wiegen eine dreiviertel Tonne, während die kleinsten Alpenbären nicht einmal 100 Kilogramm schwer werden. "Ursula" bedeutet im Lateinischen übrigens Bärchen.
Verbreitung: Braunbären bewohnten einst die gesamte Nordhalbkugel von den staubtrockenen Gebirgen des Iran bis zu den Tundren des Polarkreises. Selbst Nordafrika hatte einmal seine Bären. Heute ist das riesige Verbreitungsgebiet stark geschrumpft und im dichtbesiedelten Europa zu kleinen Inseln zusammengeschmolzen.
Winterruhe: Im Herbst fressen sich Bären einen Speckvorrat an, der bis zu einem Drittel ihres Körpergewichtes ausmacht. Allein von diesen Fettreserven zehren sie, wenn sie in ihrem Winterlager monatelang dahindämmern. Verlangsamter Stoffwechsel und gesenkte Körpertemperatur während der Winterruhe sparen wertvolle Energie und garantieren, dass die Speckvorräte auch wirklich die vier bis fünf Monate bis zum Frühling reichen.
Yellowstone: Im Yellowstone National Park lebt eine isolierte Population des nordamerikanischen Braunbären, des Grizzlys. Der Nationalpark ist nahezu 9.000 Quadratkilometer groß und dennoch zu klein, um langfristig die Population zu sichern: Für den Schutz dieser Population muss großes Umland mit einbezogen werden. In den Alpen sind die Naturschutzgebiete wesentlich kleiner als der Yellowstone National Park; sie spielen für den Erhalt der Bären eine untergeordnete Rolle.
Zahmheit: Es hat schon etwas Faszinierendes, wenn ein Wildtier - noch dazu ein so großes, wehrhaftes wie ein Bär - aus freien Stücken seine Scheu abbaut und die Nähe des Menschen sucht. Was wir dabei leicht übersehen: der Bär betrachtet uns im besten Fall als nützliche Futterquelle, im ungünstigeren Fall als Schwächlinge, die nicht einmal ihr Futter verteidigen können. Und was rangniedere Artgenossen nicht gutwillig herausgeben, nimmt sich ein selbstbewußter Bär notfalls mit Gewalt. Deshalb müssen Bären wild bleiben!






