„In den nächsten zwei Jahrzehnten wird sich mehr verändern als im gesamten 20. Jahrhundert“
Dennis L. Meadows, Mitverfasser des gerade auch in deutscher Sprache erschienenen Buches „Grenzen des Wachstums - Das 30-Jahre-Update“ studierte Chemie in Minnesota und absolvierte zusätzlich ein Managementstudium am Massachusetts Institute of Technology. Bekannt wurde Prof. Meadows durch das 1972 erschienene Buch und die gleichnamige Studie für den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“, das anhand von Computermodellen auf die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen hinwies. Bis vor seiner Pensionierung vor 2 – Jahren war er Leiter des Instituts für Politik und sozialwissenschaftliche Forschung an der Universität von New Hampshire, USA.
Was hat sich seit der Veröffentlichung von „Die Grenzen des Wachstums“ im Jahr 1972 geändert? Was ist neu im 30-Jahre-Update?
In den letzten 30 Jahren hat sich sowohl in unseren Analysen als auch in der Wahrnehmung der langfristigen Probleme durch die Gesellschaft weltweit sehr viel geändert. 1972 war es für die meisten Menschen unvorstellbar, dass die Auswirkungen Ihres Handelns die grundlegenden natürlichen Prozesse der Erde verändern würden. Inzwischen beobachten, erkennen und diskutieren wir regelmäßig das Ozonloch, die Zerstörungen durch die Hochseefischerei, den Klimawandel und andere globale Probleme. 1972 sprachen wir in unserer ersten Ausgabe von „Die Grenzen des Wachstums“ noch von zukünftigen Problemen. Jetzt, in der dritten Ausgabe, können wir uns auf sehr viele Studien und Berichte von Wissenschaftlern beziehen, die sich mit den nun inzwischen real existierenden globalen Problemen beschäftigen und wegen der möglichen Konsequenzen dieser Entwicklung sehr beunruhigt sind. 1972 haben unsere Berechnungen gezeigt, dass sich die Aktivitäten der Menschheit noch im nachhaltigen Rahmen bewegten. Dieser ist nun überschritten. 1972 haben wir Wege gezeigt, wie das Wachstum zu verlangsamen ist. Jetzt müssen wir den Menschen erklären, wie sie ihre ökonomischen Aktivitäten so weit zurückfahren, dass sie die Grenzen der Belastbarkeit unserer Welt nicht mehr überschreiten.
Welche Faktoren verhindern die nachhaltige Nutzung von Rohstoffen?
Genau das ist eines der Schwerpunktthemen in unserem Buch und umfasst dort mehrere 100 Seiten. Es ist also nicht so einfach, eine kurze Antwort zu geben. Zwei Beispiele demonstrieren die nicht nachhaltige Praxis und die Faktoren, die Änderungen so schwer machen: die weltweite Überfischung der Ozeane und die Absenkung der Grundwasserspiegel. Diese Probleme sind hartnäckig und bleiben einfach bestehen. Warum? Weil es heute die Wirtschaftssysteme sind, die den Hauptentscheidungsträgern Signale geben. Die Wirtschaft fokussiert sich jedoch auf kurzfristige Themen und ignoriert die langfristigen Nebenwirkungen für die Ökosysteme. Beide Probleme verweisen zusätzlich auf den Aspekt des Allgemeingutes: ein einzelner Mensch kann nicht über die Erhaltung der Ressourcen entscheiden. Falls einer weniger verbraucht, werden andere mehr verbrauchen.

Warum ist der Übergang vom quantitativen zum qualitativen Wachstum für die Menschen und für die Politik so schwierig?
Die Entscheidungsträger, die durch Produktion und Management des quantitativen Wachstums sehr erfolgreich waren, sind durch die Firmen- und Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte in hohe Positionen aufgestiegen. Nun wollen diese hohen Entscheidungsträger nicht einsehen, dass ihre Fähigkeiten und Kenntnisse angesichts der Situation an Bedeutung verlieren. Sie leugnen, dass ein Wechsel zu qualitativen Zielen notwendig ist. Außerdem haben wir eine Vielzahl von Systemen für wirtschaftliche Daten und Entscheidungsfindung, die auf quantitatives Wachstum abzielen. Diese Konzentration auf solche Zahlen führt automatisch zu physischer Expansion. Für Unternehmenswerbung kann es enorm gewinnbringend sein, auf quantitatives Wachstum zu setzen. Auf qualitatives Wachstum zu setzen, bietet dagegen nicht dieselben hohen Gewinnmöglichkeiten, wenigstens nicht kurzfristig. Also fördert Werbung materielles Wachstum. Wir sind in einer Tretmühle, die immer schneller läuft, uns aber nicht vorwärts bringt. Durch die Produktion von immer mehr Gütern gehen den Menschen, der Kultur und der Umwelt qualitative Werte verloren. Um diese verlorenen Werte wie Ruhe, Gemeinschaft, Schönheit, gesunde Umgebung, etc. zu kompensieren, wird mehr und mehr konsumiert. Und dies wiederum fördert die Zerstörung der Ökosysteme und den kulturellen Verfall nur noch mehr.
In Deutschland wird viel darüber berichtet, was sich in den letzten 30 bis 40 Jahren alles verbessert hat: Schwefeldioxid-Emissionen wurden verringert, Autos mit Katalysatoren und Dieselfiltern ausgestattet, Kühlschränke sind FCKW-frei und Kläranlagen sorgen für sauberes Wasser in Seen und Flüssen. Sind wir nicht auf dem richtigen Weg? Gibt es wirklich einen Grund, sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft zu machen?
Zweifellos wurden insbesondere in Deutschland und allgemein in der EU einige große Erfolge erzielt. Darauf sollten die Verantwortlichen dieser Länder stolz sein und sich von ihrem Erfolg inspirieren lassen. Aber die globalen Probleme verlangen ein gemeinsames Vorgehen und gemeinsame Visionen von vielen Nationen. Und diese Probleme sind noch nicht gelöst: Klimawandel, Terrorismus, Epidemien, Verbreitung von Nuklearwaffen, Überfischung, Erschöpfung der Ölvorräte - diese und viele andere Probleme nehmen Jahr für Jahr ein größeres Ausmaß an und müssen schnell gelöst werden. Die Menschen sollten äußerst beunruhigt darüber sein, wie diese Probleme das politische und kulturelle Leben ihres Landes verändern werden. Und es geht nicht um die ferne Zukunft. Die Schlussfolgerung aus der Studie meines Computermodells ist, dass sich den nächsten zwei Jahrzehnten - bis 2025 mehr verändern wird als im gesamten 20. Jahrhundert.
Wenn man von Ihrem Computermodell ausgeht: Wie viel Zeit bleibt und welche Dinge müssen sich vor allem ändern?
Ich muss gestehen, dass es für uns immer schwieriger wird, in unserem Modell glaubwürdige Möglichkeiten zu finden, die den Niedergang vermeiden. Tatsache ist, dass eine nachhaltige Zukunft - so wie die meisten Menschen diesen Begriff deuten - nicht mehr möglich ist. Bevölkerungswachstum, Energie- und Materialverbrauch sowie Umweltverschmutzung müssen dringend reduziert werden. Die bestmögliche Zukunft wird nicht den derzeitigen Lebensstandard der Reichen erhalten oder weiteres materielles Wachstum erlauben, sondern die materiellen Ansprüche wieder zurückfahren auf ein nachhaltiges Niveau. Dabei müssen Konflikte vermieden werden, die Kluft zwischen Arm und Reich darf nicht vergrößert werden und die Ökosysteme dürfen in ihrer Leistungsfähigkeit nicht noch weiter geschwächt werden. Einfache technologische Änderungen werden dies nicht schaffen. Technologie ist ein Werkzeug. Und wie alle Werkzeuge spiegelt eine Technologie die Werte und Ziele der Person oder Organisation wider, die sie entwickelt hat. Solange die vorherrschenden Werte und Ziele jedoch kurzfristig, egoistisch und auf Wirtschaftsindikatoren ausgerichtet sind, ist der Niedergang nicht zu verhindern.
Fragen: Gunther Willinger - Übersetzung: Christine Schrooten
Das Buch aus dem Stuttgarter Hirzel-Verlag ist erhältlich beim EuroNatur-Shop oder im Buchhandel. Weitere Informationen auf den Netzseiten der Aachener Stiftung Kathy Beys.