Beschwerde an Berner Konvention wegen Staudämmen an der Neretva

++ Naturschutzorganisationen erheben bei der Berner Konvention Beschwerde gegen Bosnien-Herzegowina wegen Bewilligung von Dammbauten an der oberen Neretva ++

<p> </p><p> </p><p> </p><p>                Oberlauf der Neretva in Bosnien-Herzegowina</p><p> </p><p> </p><p> </p>

Der Oberlauf der Neretva gehört zu den unberührtesten Flussökosystemen auf dem Balkan.

© Robert Oroz
<p> </p><p> </p><p> </p><p>                Der bedrohte Dohlenkrebs braucht klare, frei fließende Flüsse</p><p> </p><p> </p><p> </p>

Neben anderen seltenen Arten findet der gefährdete Dohlenkrebs in der oberen Neretva seinen Lebensraum. Diese Art ist durch die geplanten Staudämme noch weiter bedroht.

© Amel Emric
<p> </p><p> </p><p> </p><p>                Oberlauf der Neretva in Bosnien-Herzegowina</p><p> </p><p> </p><p> </p>

Die geplanten Kraftwerke würden den größten Teil des oberen Teils des Flusses in eine Reihe von durchgehenden Dämmen, Rohren und Reservoirs verwandeln.

© Amel Emric

Die Naturschutzorganisationen Center for Environment, Aarhus Center Sarajevo, Riverwatch, EuroNatur, ClientEarth und CEE Bankwatch Network haben heute eine Beschwerde gegen Bosnien-Herzegowina bei der Berner Konvention eingereicht. Gegenstand ist der unterlassene Schutz der unberührten oberen Flussbereiche der Neretva vor acht geplanten Wasserkraftwerken.

Der Oberlauf der Neretva ist eines der ursprünglichsten Flussökosysteme auf der Balkan-Halbinsel. Es handelt sich um ein Wildnisgebiet mit bisher sehr geringen menschlichen Eingriffen. Daher ist es seit 2011 für das „Emerald-Netzwerk“ von Schutzgebieten nach der Berner Konvention nominiert, wird aber von einem 35-MW-Wasserkraftwerk bei Ulog sowie einer Kette von sieben kleineren Kraftwerken am Oberlauf der Neretva bedroht. Die Kraftwerke würden den etwa 30 km langen Oberlauf großteils in eine Kette von Dämmen, Rohrleitungen und Staubecken verwandeln.

Die Eingabe an die Berner Konvention folgt einer korrespondierenden Beschwerde der Umweltgruppen an das Sekretariat der Energiegemeinschaft vor einigen Monaten. Darin wird auf gravierende Mängel im Umweltprüfungsverfahren dieser Projekte hingewiesen. Die Umweltverträglichkeitsprüfungen stellten etwa nur wenige jener Arten fest, die vermutlich im Projektgebiet vorkommen, gaben aber grünes Licht für die Kraftwerksprojekte. Obwohl das Gebiet kaum erforscht ist, sind Vorkommen seltener Arten bekannt, darunter Braunbär, Wolf, Fischotter, bedrohte Krebse sowie eine besondere Forellenunterart.

"Der Oberlauf der Neretva ist ein naturbelassenes Juwel auf dem Balkan. Mit den umliegenden unberührten Wäldern bildet der Fluss ein Wildnisgebiet, das in Europa seinesgleichen sucht. Die Staudammprojekte würden nicht nur dieses Ökosystem zerstören, sondern Bosnien-Herzegowina würde auch gegen ratifizierte internationale Abkommen verstoßen. Deshalb reichen wir diese Beschwerden ein", sagt Ulrich Eichelmann, Koordinator der Kampagne Rettet das Blaue Herz Europas bei Riverwatch.

„Die bisherigen Untersuchungen haben bestätigt, dass das Quellgebiet und der Oberlauf der Neretva ein außergewöhnlich gut erhaltenes Ökosystem darstellen. Die Wasserkraftprojekte müssen gestoppt werden, da sie das sensible Ökosystem massiv beschädigen", fügt Jelena Ivanic vom Center for Environment hinzu.


Hintergrundinformationen:

  • Das 35-MW-Wasserkraftwerk Ulog der EFT-Gruppe mit einem 53 Meter hohen Damm und einem 2,7 km langen Ableitungstunnel ist das am weitesten stromabwärts geplante Kraftwerk. Derzeit sind vorbereitende Arbeiten mit der chinesischen Sinhydro als Generalunternehmer im Gange. Der erste Baubeginn für dieses Kraftwerk war bereits 2013, doch im Juli desselben Jahres führten zwei tödliche Unfälle zum Abbruch der Arbeiten. Am 4. Juli starb ein Arbeiter des Unternehmens Prijedorputevi bei der Errichtung einer Zufahrtsstraße durch Steinschlag. Nur vier Tage später verlor ein Arbeiter desselben Unternehmens sein Leben in einem Bergsturz und ein weiterer Arbeiter musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Danach wurde die Arbeiten stillgelegt, um weitere Untersuchungen durchzuführen. Im Jahr 2017 wurde das Projekt umgeplant und etwas weiter flussabwärts verlegt.
  • Die sieben Wasserkraftwerke an der oberen Neretva werden von Marvel d.o.o. flussaufwärts der Stadt Ulog geplant und sollen eine Kapazität von insgesamt 15,1 MW haben. Im Kontrast zu dieser geringen Kraftwerksleistung stehen die Eingriffe. Einer der Dämme – Uloški Buk – soll gar zwischen 41 und 56 Meter hoch werden (die Umweltverträglichkeitserklärung ist hier unklar).
  • Die Kampagne Rettet das Blaue Herz Europas will die wertvollsten Flüsse des Balkans vor einem Damm-Tsunami von etwa 3.000 Kraftwerksprojekten retten. Die Kampagne wird von den NGOs Riverwatch und EuroNatur koordiniert und zusammen mit Partnerorganisationen aus den Ländern der Balkanregion durchgeführt. Die Partner in Bosnien-Herzegowina sind Center for Environment und Aarhus Center Sarajevo. Weitere Informationen unter https://balkanrivers.net/de

Mitmachen und dabei sein - werden Sie aktiv:

Spende

Zukunft braucht Natur. Wir setzen uns für sie ein. Bitte nutzen Sie Ihre Möglichkeiten, um zu helfen. Ihre Spende ist ein wirkungsvoller Beitrag für eine lebenswerte Umwelt.

Fördermitgliedschaft

EuroNatur setzt auf langfristig angelegte Naturschutzprojekte statt Schnellschüsse. Mit Ihren regelmäßigen Spendenbeiträgen geben Sie uns die dafür nötige Planungssicherheit.

Aktuelles

Albanien vor der Wahl: Nationalpark oder Zerstörung der Vjosa

Die Zukunft von Europas größtem unberührten Fluss steht auf dem Spiel

Bärenmutter in Montenegro ermordet

In Montenegro haben Wilderer das Muttertier von zwei jungen Braunbären erschossen – ein besonders dramatischer Fall von Wildtierkriminalität im Land,...

Vjosa: Umweltverbände legen Antrag für Europas ersten Wildfluss-Nationalpark vor

++ Wegen Tatenlosigkeit der albanischen Regierung werden nun die Naturschutzorganisationen aktiv ++ Vjosa-Nationalpark könnte 2023 Realität werden ++

Insektenschutz: Bundesregierung muss sich zur Umsetzung ihrer eigenen Beschlüsse bekennen

Gesetzespaket ist dringend notwendiger Schritt für mehr Insektenschutz

 

Wertvolle Moore in Polen durch Bergbaupläne in Gefahr

Das australische Unternehmen Balamara will in der polnischen Region Lubelskie Kohle abbauen. Das ist nicht nur schlecht fürs Klima, sondern bedroht...

Machtwechsel in Montenegro bringt neue Hoffnung für Saline Ulcinj

++ Montenegros neue Regierung will Saline Ulcinj effektiv schützen ++ Am 2. Februar ist Weltfeuchtgebietstag ++ Ramsar-Konvention feiert 50-jährigen...

Kein grünes Licht für Kleinwasserkraft in der EU-Finanztaxonomie

Gemeinsam mit über 130 NGOs und Experten fordert EuroNatur die Europäische Kommission auf, im Kampf gegen die Klimakrise auf die Wissenschaft zu...

Vjosa: Politisches Spiel mit der Zukunft von Europas letztem Wildfluss

++ 94 Prozent der albanischen Bevölkerung für die Errichtung eines Vjosa-Nationalparks ++ IUCN bestätigt das Potential der Vjosa, Nationalpark zu...

Auf Entdeckungsreise in Europas Natur

Internationaler Fotowettbewerb „Naturschätze Europas 2021“ startet

Kleinwasserkraftwerke auf dem Balkan bald passé?

Die Regierung der Föderation von Bosnien und Herzegowina (FBiH) kündigte Ende November an, ab 2021 keine Subventionen mehr für den Bau von...

Kurz vor den Wahlen verkündet Rumänien den Schutz einiger Urwälder

Nach Jahren bürokratischer Mühen stehen manche rumänische Primärwälder – wie das Boia-Mică-Tal im Făgăraș-Gebirge – nun endlich unter Schutz....

Dank Wildnisfonds: Neue Schutzgebiete am Grünen Band

Stiftungen am Grünen Band erwerben mit Mitteln aus dem Wildnisfonds insgesamt knapp 400 Hektar, auf denen nun Wildnis entstehen darf. Die in der...

Wolfspopulation in Westpolen trotz Wachstum noch nicht sicher

Eine jetzt veröffentlichte Langzeitstudie über die Ausbreitung der Wölfe in Westpolen macht deutlich, dass trotz kontinuierlich wachsender Zahlen in...

Salinen-Bagger im Altmetall gelandet

Um Naturschutzmaßnahmen in der Saline Ulcinj durchführen zu können, finanzierte EuroNatur 2004 einen Bagger. Mit ihm sollten Dämme und Deiche in Stand...

Juristischer Sieg für Rumäniens Wälder

Lange haben die rumänische Regierung und das staatliche Forstmanagement Romsilva Informationen über die Waldbestände im Land geheim gehalten, entgegen...