Für eine zukunftsfähige Agrarpolitik, die Gewinner schafft

Breite Verbände-Plattform fordert neue Ausrichtung der EU-Agrarpolitik auf Qualität und Umweltleistungen. Von Bund und Ländern erwarten sie eine konsequente Umsetzung

So könnte sie aussehen, die extensive Landwirtschaft der Zukunft © Patrick Loertscher

Berlin, 29.3.2017 30 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt- und Naturschutz, Tierschutz und Entwicklungspolitik rufen zu einer grundlegenden Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU und ihrer Umsetzung in Deutschland auf. Sie wollen die umfangreichen Fördergelder der EU wie auch die europäische Marktordnung und das Fachrecht dafür einsetzen, den landwirtschaftlichen Betrieben durch die strikte Berücksichtigung von Umwelt- und Tierschutz wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen.

Konkret schlagen die Verbände vor, sämtliche Zahlungen der Agrarpolitik gezielt und ausschließlich für die gesellschaftlichen Leistungen der Landbewirtschafter einzusetzen. Kleinere und mittlere Betriebe sollten gestärkt werden. Änderungen an der Marktordnung sollen schwere Marktkrisen vermeiden und die Selbstregulierung der Erzeuger stärken. Die Störung lokaler Märkte in Entwicklungsländern durch EU-Exporte mit Dumpingeffekten soll verhindert werden. Durch eine „einfache, abgestufte und verpflichtende Kennzeichnung“ der Tierhaltungsverfahren sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Lage versetzt werden, den „Umbau der Tierhaltung“ aktiv mitzutragen. Zudem fordern die Verbände eine EU-weite Anhebung und Durchsetzung der Umwelt- und Tierschutzstandards.

Mit wichtigen Änderungen wollen die Verbände aber nicht auf die von der EU-Kommission angekündigte Reform der EU-Agrarpolitik für die Zeit nach dem Jahr 2020 warten. Sie rufen Bund und Länder dazu auf, noch im Jahr 2017 Umschichtungen von EU-Agrargeldern in Deutschland in Fördermaßnahmen für Tierschutz- und Agrarumweltmaßnahmen sowie zur Stärkung kleinerer und mittlerer Betriebe zu beschließen.

Bei der Übergabe des Positionspapiers an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks heute in Berlin erklärte Prof. Dr. Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR): „Düngemittel und Pestizide im Grundwasser, anhaltender Verlust der Artenvielfalt, Vermaisung der Landschaft und Massentierhaltung machen deutlich, dass es ein ‚Weiter so‘ in der Agrarpolitik nicht geben kann. Daher ist die Bundesregierung aufgefordert, die bestehenden Handlungsspielräume für eine Ökologisierung der Agrarpolitik stärker zu nutzen und die künftige EU-Agrarpolitik konsequent an der Erbringung gesellschaftlicher Leistungen auszurichten.“

Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), führte aus: „Weil der Großteil der Agrar-Fördermittel aktuell mit der Gießkanne über alle Agrarflächen ausgeschüttet wird, fehlt das Geld, um Leistungen von Landwirten im Umwelt-, Gewässer-, Klima- und Tierschutz zu finanzieren. Um die enormen Herausforderungen anpacken zu können, muss Deutschland die von der EU geschaffene Möglichkeit nutzen, 15 Prozent der EU-Agrargelder von der allgemeinen Flächenförderung in die 2. Säule für Umwelt-, Tier- und Klimaschutz umzuschichten. Deutschland und Europa sind aufgerufen Bio zu nutzen, um die Land- und Ernährungswirtschaft zu einem nachhaltigen Wirtschaftszweig umzubauen. Die Agrarpolitik wird das nach 2020 nur leisten können, wenn ihr dafür ausreichende Mittel zur Verfügung stehen. Wir treten deshalb dafür ein, das EU-Agrarbudget in seiner jetzigen Höhe beizubehalten und es zielgerichtet dafür zu verwenden, aktive Landwirte für Umwelt- und Tierschutzleistungen zu entlohnen.“

Dr. Klaus Seitz, Leiter der Abteilung Politik von Brot für die Welt, erläuterte die Notwendigkeit, die EU-Agrarpolitik am Recht auf Nahrung und an den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen auszurichten: „Die Staatengemeinschaft hat sich vorgenommen, den Hunger in der Welt bis 2030 zu beenden. Damit dies gelingt, müssen wir auch in der EU die Landwirtschaft neu ausrichten und international verträglich gestalten. Mit Überschussexporten, die Kleinbauern in armen Ländern von ihren lokalen Märkten verdrängen, muss Schluss sein.“

Martin Schulz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), sagte in Berlin: „Die bisherige Agrarpolitik erzeugt viele Verlierer in Landwirtschaft und Gesellschaft. Wir brauchen aber eine starke Agrarpolitik, die Gewinner schafft, indem sie die gesellschaftlichen Leistungen der Bauern in der Erzeugung anerkennt und honoriert. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die gestiegenen qualitativen Anforderungen des Umwelt- und Tierschutzes in größere Wertschöpfungsmöglichkeiten mit höheren Erzeugerpreisen für die bäuerlichen Betriebe zu überführen. Dazu müssen alle Instrumente genutzt werden, also Förderpolitik, Marktordnung, Kennzeichnungs- und Fachrecht sowie eine faire Handelspolitik. Bund und Länder müssen zudem die Möglichkeiten ausschöpfen, die das EU-Recht heute schon bietet, auch zugunsten der ersten Hektare je Betrieb.“

 

Hintergrundinformationen:

Die Verbändeplattform hat gemeinsam das Positionspapier mit dem Titel „Für eine gesellschaftlich unterstützte Landwirtschaftspolitik“ verfasst. Hier ist das Papier einsehbar

 

Ansprechpartner und Koordinatoren der Verbände-Plattform:

EuroNatur Stiftung Europäisches Naturerbe
Lutz Ribbe, Tel.: 02226 - 2045, E-Mail: lutz.ribbe(at)euronatur.org

AbL – Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
Ulrich Jasper, Tel.: 02381 - 9053 171, E-Mail: jasper@abl-ev.de

Pressekontakt EuroNatur:
Christian Stielow, Tel.: 07732 - 927215, E-Mail: christian.stielow(at)euronatur.org

Sie wollen helfen?

Spende

Europas Naturschätze sind bedroht. EuroNatur handelt. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende! Damit leisten Sie einen wirkungsvollen Beitrag zur Bewahrung von Europas Natur.

Fördermitgliedschaft

EuroNatur setzt auf langfristig angelegte Naturschutzprojekte statt Schnellschüsse. Mit Ihren regelmäßigen Spendenbeiträgen geben Sie uns die dafür nötige Planungssicherheit.

Aktuelles

Der „Fall Vjosa“ geht in die nächste Runde

Nachdem das albanische Verwaltungsgericht Anfang Mai den Bau des Wasserkraftwerks „Pocem“ vorerst verbot, haben vergangenen Freitag die albanische...

Deutsche Welle nimmt Balkanluchse ins Visier

Der Balkanluchs gehört zu den seltensten Katzen der Erde. Um sein Aussterben zu verhindern, arbeiten Naturschützer unter anderem aus dem Kosovo und...

Ein Netzwerk für Meister Adebar

Vom 16.-20. Mai 2017 tagt im griechischen Poros die 14. Konferenz der Europäischen Storchendörfer ++ Auch Störche werden bei ihrem Zug über das...

Bewahren Sie mit uns das Blaue Herz Europas!

Kürzlich haben wir einen wichtigen Etappensieg errungen: Der albanische Verwaltungsgerichtshof hat den geplanten Bau des Wasserkraftwerks „Pocem“ an...

Motivsuche am Grünen Band Balkan

Neun Fotowettbewerbe – ein Ziel: Das schönste Bild des Grünen Bandes Balkan! Im Rahmen einer internationalen Fotowettbewerbsaktion laden neun...

Breites Votum für eine nachhaltige Landwirtschaft

In den vergangenen Wochen konnten Europas Bürger über die zukünftige Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU abstimmen. Weit über...

Illegale Tötung von Bären in Spanien nimmt wieder zu

Der Druck auf Spaniens Petze im Westteil des Kantabrischen Gebirges wächst weiter. Kürzlich wurden erneut zwei tote Bären in der Provinz Asturien...

Neuer Rekord beim Fotowettbewerb „Naturschätze Europas“

So viele Einsendungen gab es noch nie: 1.130 Hobby- und Profifotografen aus 41 Ländern haben rund 4.000 Bilder von Europas Natur eingeschickt.

Natur- und Familienerlebnis Mettnau

Am Samstag, den 20. Mai 2017 wird zum ersten Mal der Umwelt- und Klimaschutztag in Radolfzell am Bodensee begangen. Der Stand von EuroNatur im...

Bedrohte Botschafterin

Am 10. Mai ist Weltzugvogeltag ++ Eine der Botschafter-Arten in diesem Jahr ist die gefährdete Knäkente

Pelikane im Brutfieber

Bei den Krauskopfpelikanen am Skutari-See ist die Brutsaison im vollen Gange. Dicht an dicht sitzen die großen Vögel auf ihren Nestern – so viele wie...

Staudammprojekt vorläufig gestoppt

++ Albanisches Gericht stoppt Staudammprojekt an der Vjosa ++ Erfolg für Naturschutz und für Anwohner ++

Der aktuelle EuroNatur-Newsletter ist da

30 Jahre EuroNatur, das sind 30 Jahre couragierte Naturschutzarbeit unter dem Motto „Menschen und Natur verbinden“. Lesen Sie in unserem aktuellen...

Wissenschaftler für die Vjosa

++ Forscherteam aus Österreich, Albanien, Deutschland und Slowenien untersucht Europas letzten Wildfluss ++ Pressekonferenz auf Flussinsel ++

Tod im Libanon

Für die Zugvögel erweist sich der östliche Mittelmeerraum, trotz aller Erfolge gegen die Vogeljagd, einmal mehr als äußerst gefährliches Terrain. Eine...

Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Zur Datenschutzerklärung