Vjosa: Politisches Spiel mit der Zukunft von Europas letztem Wildfluss

++ 94 Prozent der albanischen Bevölkerung für die Errichtung eines Vjosa-Nationalparks ++ IUCN bestätigt das Potential der Vjosa, Nationalpark zu werden ++ Albaniens Umweltminister hat gegenteilige Pläne ++

<p> </p><p> </p><p> </p><p>                Die Vjosa in Albanien</p><p> </p><p> </p><p> </p>

Entgegen der Ankündigung von Albaniens Premierminister Edi Rama plant der Umweltminister keinen Nationalpark und auch keinen Schutzstatus für die wertvollsten Flussabschnitte wie hier bei Poçem.

© Gernot Kunz
<p> </p><p> </p><p> </p><p>                Die Vjosa in Albanien</p><p> </p><p> </p><p> </p>

Die IUCN bestätigt, dass sich die Vjosa für die Ausweisung als Nationalpark qualifiziert. Wird die albanische Regierung ihrer Empfehlung folgen? 

© Gregor Subic

Tirana, Radolfzell, Wien. Heute haben EcoAlbania, Riverwatch und EuroNatur die Öffentlichkeit über die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der Vjosa informiert.

Am 25. September 2020 hatte Albaniens Premierminister Edi Rama über Twitter verkündet: „Unsere Regierung hat die obere Vjosa zum Nationalpark erklärt. Unser Umweltministerium erteilt keine Bewilligungen für Wasserkraftprojekte an der unteren Vjosa, die ebenfalls in den Nationalpark integriert wird!“
Diese Nachricht wurde von vielen Menschen in höchstem Maße begrüßt, darunter von Europaabgeordneten, der Energiegemeinschaft, Naturschutzorganisationen und auch dem weltbekannten Schauspieler Leonardo DiCaprio. Drei Monate später scheinen sich die Worte des Premierministers aber als leere Versprechen herauszustellen. Vergangene Woche präsentierte die Nationale Schutzgebietsbehörde – die dem Minister für Tourismus und Umwelt untersteht – den Plan für die Vjosa. Darin findet sich kein Wort von einem Nationalpark; ein Schutzstatus für besonders wertvolle Flussabschnitte, die von Dammbauten bedroht sind, ist nicht vorgesehen. „Die Realität widerspricht der Aussage unseres Premierministers. Es macht derzeit den Eindruck, als würden die Albanerinnen und Albaner hinters Licht geführt. Mit der Zukunft der Vjosa entscheidet sich auch die Glaubwürdigkeit von Edi Rama und seiner Regierung“, sagt Olsi Nika, Geschäftsführer von EcoAlbania.

Interessanterweise steht die albanische Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit hinter der Ankündigung des Ministerpräsidenten vom September, einen Nationalpark einzurichten und die Staudamm-Pläne zu verwerfen. Eine Meinungsumfrage von IDRA Poll (einem Unternehmen, dass auch Umfragen für die politischen Parteien in Albanien durchführt) zeigte im Dezember, dass 94 Prozent der albanischen Bevölkerung einen Vjosa-Nationalpark über die gesamte Flusslänge befürworten. Die Hauptmotive für diese enorme Zustimmung sind „Schutz der Naturschönheiten und der Landschaft“ sowie „bessere Möglichkeiten für eine touristische Entwicklung“ in der Region.
Gleichzeitig lehnen 78 Prozent der Befragten die Errichtung von Staudämmen an der Vjosa ab (14 Prozent neutral, 8 Prozent für Dämme). „Das ist eine eindeutige Botschaft: Die Menschen in Albanien wollen einen Nationalpark und keine Dämme an der Vjosa. Die Regierung sollte auf sie hören“, folgert Olsi Nika von EcoAlbania.

IUCN für Nationalpark
Die Weltnaturschutzunion IUCN – die globale Instanz beim Thema Schutzgebiete – erkennt die internationale Bedeutung der herausragenden Naturwerte der Vjosa an. Der Entwurf einer von der IUCN in Auftrag gegebenen Studie zeigt das Potential eines Vjosa-Nationalparks. Die Studie soll Anfang 2021 veröffentlicht werden und beinhaltet eine Vision und einen Fahrplan für eine ordnungsgemäße Ausweisung der Vjosa zum Nationalpark. Das vorgeschlagene Schutzgebiet umfasst auch den mittleren Flussabschnitt, der für die Unversehrtheit der Vjosa und ihren langfristigen Schutz als einzigartigem und außergewöhnlichem grenzüberschreitenden Flussökosystems entscheidend ist.

Premierminister Ramas Worte und die Wirklichkeit
Es wird allerdings von Tag zu Tag klarer, dass die albanische Regierung, allen voran der Umweltminister Blendi Klosi und seine Nationale Schutzgebietsbehörde (NAPA), in die entgegengesetzte Richtung steuern. Im Gegensatz zur Ankündigung des Premierministers gibt es keine Pläne für einen Nationalpark an der Vjosa. Stattdessen ist für den Oberlauf der Vjosa nur die „Landschaftsschutz“-Kategorie und für den Abschnitt flussabwärts von Tepelena (Memalija-Brücke) gar kein Schutzstatus vorgesehen. Dieser Plan würde nicht nur die wertvollsten Teile des Flusssystems ausschließen, sondern auch das Gebiet ungeschützt lassen, in dem die Staudämme Kalivaç und Poçem geplant sind.
„Die von der NAPA letzte Woche vorgelegten Pläne sind de facto ein Versuch, die Tür für die Wasserkraftwerke in Kalivaç und Poçem offenzuhalten. Sie sind ein Schlag ins Gesicht all jener, die auf der Seite der Vjosa stehen. Ein Schlag ins Gesicht der Bevölkerung Albaniens, der Wissenschaftler und derer, die den Versprechen des Premierministers Glauben schenken“, sagt Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von Riverwatch, der seit Jahren für den Schutz der Vjosa arbeitet.

Annette Spangenberg von EuroNatur ergänzt: „Jede Kategorie außer Nationalpark wäre für die Vjosa unangemessen, da sie den Naturwert dieses einzigartigen Ökosystems untergraben würde. Daher muss die NAPA ihren derzeitigen Planungsprozess abbrechen. Wir fordern Premierminister Rama auf, sein Versprechen zu halten und die Erklärung eines Nationalparks entlang der Vjosa zu unterstützen. Der aktuelle Prozess, der von der NAPA durchgeführt wird, ist übereilt, nicht transparent und unvollständig. Daher sollte Minister Klosi ihn stoppen und einen neuen Prozess starten, der den Naturwert der Vjosa, der herausragend und von europäischer Bedeutung ist, vollständig berücksichtigt.“

Die Zukunft von Europas einzigartigem Flusssystem könnte auch ein Thema bei den Wahlen in Albanien am 25. April werden. „Wir wollen wissen, welche Parteien, welche führenden Politiker den Vjosa-Nationalpark unterstützen und welche nicht. Mit politischem Willen und internationaler Unterstützung könnte Europas erster Wildfluss-Nationalpark Ende 2022 eingeweiht werden“, schließen die Organisationen.


Hintergrundinformationen:

  • Die Aufzeichnung der heutigen Pressekonferenz finden Sie HIER
  • Die Vjosa ist der letzte Fluss in Europa, der über seine gesamte Länge wild fließt. Die albanische Regierung hat Pläne für mehrere Staudämme, zwei davon im Mittellauf. Die Alternativvision ist die Schaffung des ersten Wildfluss-Nationalparks in Europa. Diese Möglichkeit wurde zuerst von Organisationen der Kampagne zum Schutz der Vjosa aufgezeigt.

  • Die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ dient dem Schutz von Flüssen mit besonders hohem Naturwert auf der Balkan-Halbinsel, die von mehr als 3.400 Wasserkraft-Projekten bedroht werden. Die Kampagne wird von den internationalen Naturschutzorganisationen Riverwatch und EuroNatur koordiniert und gemeinsam mit Partnerorganisationen in den Balkanländern umgesetzt. Der lokale Partner in Albanien ist EcoAlbania. Weitere Informationen unter https://balkanrivers.net/de.

    Kontakt:

  • Anja Arning, EuroNatur | anja.arning(at)euronatur.org | +49 7732 – 927213

  • Cornelia Wieser, Riverwatch | cornelia.wieser@riverwatch.eu | +43 650 4544784

  • Besjana Guri, EcoAlbania | b.guri@ecoalbania.org | +355 69 2954214

     

     

     

Mitmachen und dabei sein - werden Sie aktiv:

Spende

Zukunft braucht Natur. Wir setzen uns für sie ein. Bitte nutzen Sie Ihre Möglichkeiten, um zu helfen. Ihre Spende ist ein wirkungsvoller Beitrag für eine lebenswerte Umwelt.

Fördermitgliedschaft

EuroNatur setzt auf langfristig angelegte Naturschutzprojekte statt Schnellschüsse. Mit Ihren regelmäßigen Spendenbeiträgen geben Sie uns die dafür nötige Planungssicherheit.

Aktuelles

Schon ein Damm kann den Fluss zerstören

Eine jüngst erschienene Studie stellt den hohen Wert des Vjosa-Flusssystems in Albanien als eines der wenigen verbliebenen Referenzgebiete für...

Naturschützer fordern politische Unterstützung aus der EU für Vjosa-Nationalpark in Albanien

++ Der neue Slogan „Vjosa National Park Now“ ist ein Appell, Europas letzten großen Wildfluss zu schützen ++

NGOs: Europäische Wiederaufbaugelder lassen die Natur links liegen

EU-Aufbauprogramme im Zuge der Corona-Krise lesen sich weitestgehend ohne Berücksichtigung von Natur- und Klimaschutzzielen

Albanien vor der Wahl: Nationalpark oder Zerstörung der Vjosa

Die Zukunft von Europas größtem unberührten Fluss steht auf dem Spiel

Bärenmutter in Montenegro ermordet

In Montenegro haben Wilderer das Muttertier von zwei jungen Braunbären erschossen – ein besonders dramatischer Fall von Wildtierkriminalität im Land,...

Vjosa: Umweltverbände legen Antrag für Europas ersten Wildfluss-Nationalpark vor

++ Wegen Tatenlosigkeit der albanischen Regierung werden nun die Naturschutzorganisationen aktiv ++ Vjosa-Nationalpark könnte 2023 Realität werden ++

Insektenschutz: Bundesregierung muss sich zur Umsetzung ihrer eigenen Beschlüsse bekennen

Gesetzespaket ist dringend notwendiger Schritt für mehr Insektenschutz

 

Wertvolle Moore in Polen durch Bergbaupläne in Gefahr

Das australische Unternehmen Balamara will in der polnischen Region Lubelskie Kohle abbauen. Das ist nicht nur schlecht fürs Klima, sondern bedroht...

Machtwechsel in Montenegro bringt neue Hoffnung für Saline Ulcinj

++ Montenegros neue Regierung will Saline Ulcinj effektiv schützen ++ Am 2. Februar ist Weltfeuchtgebietstag ++ Ramsar-Konvention feiert 50-jährigen...

Kein grünes Licht für Kleinwasserkraft in der EU-Finanztaxonomie

Gemeinsam mit über 130 NGOs und Experten fordert EuroNatur die Europäische Kommission auf, im Kampf gegen die Klimakrise auf die Wissenschaft zu...

Vjosa: Politisches Spiel mit der Zukunft von Europas letztem Wildfluss

++ 94 Prozent der albanischen Bevölkerung für die Errichtung eines Vjosa-Nationalparks ++ IUCN bestätigt das Potential der Vjosa, Nationalpark zu...

Auf Entdeckungsreise in Europas Natur

Internationaler Fotowettbewerb „Naturschätze Europas 2021“ startet

Kleinwasserkraftwerke auf dem Balkan bald passé?

Die Regierung der Föderation von Bosnien und Herzegowina (FBiH) kündigte Ende November an, ab 2021 keine Subventionen mehr für den Bau von...

Kurz vor den Wahlen verkündet Rumänien den Schutz einiger Urwälder

Nach Jahren bürokratischer Mühen stehen manche rumänische Primärwälder – wie das Boia-Mică-Tal im Făgăraș-Gebirge – nun endlich unter Schutz....

Dank Wildnisfonds: Neue Schutzgebiete am Grünen Band

Stiftungen am Grünen Band erwerben mit Mitteln aus dem Wildnisfonds insgesamt knapp 400 Hektar, auf denen nun Wildnis entstehen darf. Die in der...