Vogelmord in Serbien

Ein Interview mit Milan Ružić

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Milan Ružić will in Serbien ein funktionierendes System gegen den Vogelmord aufbauen.

© BPSSS

Schätzungsweise an die 200.000 Vögel lassen in Serbien jedes Jahr unnötig ihr Leben. Sie werden illegal geschossen, vergiftet oder gefangen. Milan Ružić und seine Mitstreiter von der serbischen Naturschutzorganisation BPSSS wollen den Vogelmord stoppen. Im Interview berichtet Milan, wie ihnen das in Zeiten von COVID 19 gelingt und warum die Corona-Krise nicht nur den Menschen, sondern auch der Vogelwelt zusetzt. 

 

 

Normalerweise ist BPSSS im Feld sehr präsent. Konnten Sie während der strikten Restriktionen durch die COVID-19-Pandemie überhaupt noch arbeiten?

Wir wurden ausgebremst, aber wir haben die Hände nicht in den Schoß gelegt! Wir haben weiterhin Fälle von Vogelkriminalität dokumentiert und an die offiziellen Stellen gemeldet, wo immer wir konnten. Allein von Mitte März bis Anfang Mai waren das eine Menge. 

„Die COVID-19-Beschränkungen haben uns Naturschützer zwei Monate lang daran gehindert, im Feld zu arbeiten. Aber niemand hat die Wilderer und Vogeljäger davon abgehalten, ihr Unwesen zu treiben!“

Die offiziellen Kontrollen und die Verfolgung illegaler Jagd sind in Serbien mehr als mangelhaft. Diese Lücke versuchen wir zu füllen. Ein bisschen wie Privatdetektive, die helfen, die Vogelkriminalität zu stoppen. 
 

Die Leute, die Vögel jagen, fangen oder vergiften, waren doch auch dazu verpflichtet, in ihren Häusern zu bleiben. Ausländische Jagdtouristen durften erst gar nicht einreisen. Gab es denn gar keine Kontrollen?

Während des COVID-19-Lockdowns in Serbien hatten wir den stärksten Anstieg der Vogelkriminalität zu verzeichnen, den es je gab! In allen Fällen, die wir seit Mitte März aufgenommen haben, waren Einheimische die Täter. 

„Die Leute sind durchgedreht, weil sie ihre Häuser nicht verlassen durften. Einige haben mit Luftgewehren rund um ihre Häuser und Wohnungen auf Vögel geschossen.“ 

Gleichzeitig gab es noch mehr Vergiftungen von Greifvögeln als normal. Ja, die Leute haben gemerkt, dass Polizei und Wildhüter noch weniger kontrolliert haben als sonst. 

Die Vergiftung von Greifvögeln ist auf dem Balkan weit verbreitet und ein großes Problem. Haben Sie ein Beispiel für einen solchen Fall?

Wir hatten vor kurzem einen gruseligen Fall in der Nähe von Bačka Topola, eine Stadt in der Vojvodina in Nordserbien. Dort wurden über 70  vergiftete Vögel gefunden, darunter über 20 Rohrweihen, aber auch Rehe und Füchse waren dabei.  Die lokale Kolkraben-Population wurde komplett ausgelöscht. Wie wir mittlerweile wissen, hat der Täter viele der vergifteten Tiere versteckt. Das heißt, die Zahl der Opfer dürfte noch weitaus höher sein.

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Vergiftete Rohrweihe in Bačka Topola in Nordserbien. Über 70 tote Tiere wurden dort zwischen Anfang April und Mitte Mai sichergestellt, darunter 20 Rohrweihen. 

© Tibor Rekecki

Wie haben Sie von dem Fall erfahren?

Wir wurden am Karfreitag über Facebook von einem lokalen Ranger informiert, der eine tote Rohrweihe gefunden hatte. Neben dem Kadaver lag ein Stück vergiftetes Fleisch und etwa 100 Meter entfernt ein toter Mäusebussard. Ich habe sofort die lokalen Inspektoren eingeschaltet. 

„Es stellte sich heraus, dass jemand mindestens 15 Kilogramm Fleisch ausgebracht hatte, das mit Carbuforan vergiftet war. Entlang einer etwa 20 Kilometer langen Straße des Todes hat er mit seinen Ködern alle Tiere umgebracht, die damit in Kontakt kamen.“ 

Zusammen mit der lokalen Polizei und den Naturschutzbehörden haben wir anderthalb Monate lang eine riesige Fläche durchkämmt. Immer wieder tauchten dabei vergiftete Tiere auf. Zwei Mal war dieser Vergiftungsfall sogar die Top-Meldung in den serbischen Nachrichten. Jemand aus der Gemeinde hat uns schließlich den Namen des Tatverdächtigen genannt. Es handelt sich um einen Jäger, der ein Quad besitzt und vermutlich die Fressfeinde von Fasanen ausmerzen wollte. Es wurden Spuren seines Fahrzeugs im Feld gefunden. Sein Haus wurde inspiziert, aber die Beamten konnten kein Gift finden. Stattdessen gibt es Hinweise auf Verbindungen zwischen dem Tatverdächtigen und einem Polizisten aus Bačka Topola, der ebenfalls Jäger ist. Die beiden versuchen vermutlich, sich gegenseitig zu decken. 

Das heißt, die Giftköder haben dort fast zwei Monate lang  Schaden angerichtet. Hätten Sie das ohne Corona-Beschränkungen verhindern können?

Ja, das ist ein gutes Beispiel dafür, wo Corona uns ziemlich ausgebremst hat. In Vergiftungsfällen ist es sehr wichtig, alle toten Tiere und alle Giftköder zu finden. Ein großes Problem war, dass unsere Kollegen aus Ungarn mit ihren Spürhunden nicht einreisen konnten. Wenn sie dabei gewesen wären, hätten wir das ganze Gebiet innerhalb von zwei Tagen sichern können. Ohne Hunde ist das sehr schwierig. Auch unsere Polizisten hätten die Spürhunde bei der Hausdurchsuchung gebraucht. Vielleicht haben die Beamten die Köder einfach nur nicht gefunden. Nun wird es schwer, dem Mann etwas nachzuweisen. 

Ihr Netzwerk scheint trotzdem gut zu funktionieren. Immerhin konnte BPSSS mitten in der Hochphase der Corona-Pandemie viele Fälle von Vogelkriminalität aufdecken und an die Behörden melden. 

Wenn ich etwas herausgreifen müsste, auf das wir richtig stolz sind, dann ist es unser Netzwerk! In den vergangenen fünf Jahren haben wir über 10.000 Kontakte geknüpft.

„Unser Netzwerk hat uns auch während der Krise informiert – über Telefon, Email, Facebook oder Instagram. Bis zu fünf Fälle von Vogelkriminalität wurden uns pro Tag gemeldet! Wir haben immer mehr Augen und Ohren im Feld. Genau das brauchen wir. “ 

Zu Beginn der Corona-Krise haben wir eine Facebook-Gruppe gegründet. Wir hatten mit etwa 1.000 Mitgliedern begonnen. Innerhalb von nur zwei Monaten hat sich die Zahl verdreifacht. Es ist viel Aufwand, diese Kontakte zu betreuen und zu pflegen. Gleichzeitig kommen wir so an die nötigen Felddaten und unser Netzwerk wächst stetig. 

Haben Sie auch ein ermutigendes Beispiel dafür, dass die Zusammenarbeit mit den offiziellen Stellen wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz zunehmend besser funktioniert?

Ja! Ebenfalls mitten in der Corona-Krise gab es zum Beispiel einen Fall in Zentralserbien, wo jemand illegale Fallen für Vögel und Säugetiere aufgestellt hat. Ich habe das unserer sehr verlässlichen und engagierten Kontaktperson im CITES-Büro (Anm. Red.: Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten frei lebenden Tieren und Pflanzen) in Belgrad gemeldet und diese hat wiederum den lokalen Staatsanwalt eingeschaltet. Der Justizbeamte meinte, es gäbe eine Anweisung von der Regierung, während der COVID-19-Pandemie ausschließlich Fälle folgender Kategorien zu behandeln: Selbstmord, Mord, Raubüberfälle oder wenn Leute ohne Genehmigung auf der Straße unterwegs sind. 

„Unser Kontakt im CITES-Büro machte dem Staatsanwalt klar, dass Vogelkriminalität kein Spaß ist und dass unser Fall nicht warten kann.“

Tatsächlich standen die Beamten am nächsten Morgen auf der Matte. Normalerweise kann es Tage, Wochen oder sogar Monate dauern, bis sie auftauchen. Diesmal nicht. Unsere persönliche Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Kontakten ist das A und O. 

Milan, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Katharina Grund

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