Bauboom im Biosphärenreservat

Einer der artenreichsten Seen der Erde: der Orchidsee.

© Gabriel Schwaderer

Urbanisierungspläne gefährden einzigartige Artenvielfalt am Ohridsee im mazedonisch-albanischen Grenzgebiet 


Presseinformation vom 19. Mai 2015


Radolfzell. Die Lokalregierung des mazedonischen Bezirks Ohrid plant einen Großteil des Studenchishte-Sumpfes am Ufer des Ohridsees trockenzulegen und mit Hotels, Luxuswohnungen und einem Yachthafen zu bebauen. Damit droht einer der artenreichsten und nährstoffärmsten Seen der Erde unwiderruflich geschädigt zu werden. Der Ohridsee ist Teil des länderübergreifenden UNESCO-Biosphärenreservats Prespa-Ohrid im albanisch-mazedonischen Grenzgebiet, das neben dem Prespa Nationalpark in Albanien auch den Galicica und den Pelister National Park in Mazedonien umfasst. Zudem zählen der mazedonische Teil des Ohridsees und seine Umgebung sowie die Stadt Ohrid zum UN-Weltnatur- und Kulturerbe der Menschheit. „Die Bezirksregierung Ohrid hat sich verpflichtet, die hohe Artenvielfalt des Biosphärenreservats zu erhalten. Der aktuelle Bebauungsplan ist damit nicht vereinbar. Wir fordern die Verantwortlichen daher auf, die Pläne zurücknehmen“, sagt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der Naturschutzstiftung EuroNatur. Zu diesem Schluss kommt auch eine strategische Umweltverträglichkeitsprüfung, die Mitte Januar 2015 in Ohrid vorgestellt wurde. Danach würden die geplanten Eingriffe die „Einmaligkeit des Ökosystems des Ohridsees direkt negativ beeinflussen“. Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, sei das Vorhaben nicht umzusetzen.

Der Studenchishte-Sumpf ist einer der letzten natürlichen Filter für das Wasser des Sees und muss dringend erhalten werden“, sagt EuroNatur-Projektleiter Thies Geertz. Der derzeitige Bauboom ist eine der größten Gefahren für die Artenvielfalt des Ohridsees. In den vergangenen Jahren sind an seinen Ufern Hotels und Wohnhäuser wie Pilze aus dem Boden geschossen. Mit der verstärkten Besiedlung des Gebiets wird der See zunehmend mit Abwasser belastet. Die Nährstoffeinträge drohen das fragile Ökosystem mehr und mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Ohridsee ist ein wahrer Hotspot der Biodiversität: Rund 1.200 Tier- und Pflanzenarten finden hier einen idealen Lebensraum - darunter 212 endemische Arten, das heißt Tiere und Pflanzen, die es nur am und im Ohridsee gibt. Doch die außergewöhnliche Biodiversität ist sehr fragil: Viele dieser Arten leben nur in einer schmalen Zone des Sees. Das macht sie besonders empfindlich für Umweltveränderungen. Ein internationales Forschungsteam um die Wissenschaftler Thomas Wilke und Christian Albrecht von der Universität Gießen stellte bereits 2008 fest, dass zahlreiche für die Region typische Tier- und Pflanzenarten bereits ausgestorben sind, während gleichzeitig immer mehr ortsfremde Arten einwandern.

Ungeachtet dessen treibt die lokale Regierung ihre Urbanisierungspläne am Ufer des Ohridsees weiter voran. Mittlerweile hat sich eine Bürgerplattform „SOS Ohrid“ (https://ohridsos.wordpress.com/about/ ) gegen das Bauvorhaben gegründet: Auch das renommierte Hydrobiologische Institut in Ohrid übt Kritik an den Plänen der Bezirksregierung. „Wir befürchten, dass das aktuelle Bauvorhaben nur der Anfang einer ganzen Reihe von landschaftsverändernden Eingriffen ist. Ziel ist es, immer mehr Luxuswohnungen und Hotels zu schaffen. Wenn die lokale Regierung nicht umgehend ihren Kurs ändert, wird der einzigartige Artenreichtum des Ohridsees unwiderruflich verloren gehen“, sagt Thies Geertz. Nach Auffassung von EuroNatur sollte der Ohridsee auf die "Rote Liste des gefährdeten Welterbes" der Welterbekonvention gesetzt werden.



Hintergrundinformationen:

  • Das grenzüberschreitende UNESCO-Biosphärenreservat Prespa-Ohrid wurde am 13.10.2014 nach 10-jährigen Vorarbeiten ausgerufen:
  • Zu den EuroNatur-Projekten zum Schutz der Artenvielfalt in der Prespa-Ohrid-Region



Rückfragen: EuroNatur, Konstanzer Str. 22, 78315 Radolfzell, Tel.: 07732 - 92 72 24, Fax: 07732 - 92 72 22, E-Mail: info@euronatur.org, Internet: www.euronatur.org, Ansprechpartner: Thies Geertz, Pressekontakt: Angie Rother

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