Grüne Woche verkommt zur Nabelschau der Agrarindustrie

EuroNatur fordert mehr Ehrlichkeit gegenüber den Verbrauchern

 

Presseinformation vom 16. Januar 2007

 

Im Vorfeld der 72. Internationalen Grünen Woche in Berlin fordert die Umweltstiftung EuroNatur von der Lebensmittelwirtschaft mehr Ehrlichkeit gegenüber den Verbrauchern.

"Die Grüne Woche verkommt immer mehr zu einer Art 'Agro-Peepshow', in der die Agrarindustrie eine Nabelschau betreibt und sich nicht den brennenden Problemen der Verbraucher, Bauern und Umwelt widmet", kritisiert die Umweltstiftung EuroNatur. Der Öffentlichkeit werde viel zu oft eine heile Welt in der Landwirtschaft vorgegaukelt und die oft brutalen Realitäten würden ausgeblendet.

Tatsache sei, dass die Landwirtschaft heute mehr denn je zum Lieferanten billiger Rohstoffe werde und den Preis und die Form der oft umweltzerstörenden Produktion von global agierenden Lebensmittelunternehmen und Handelsketten diktiert bekäme, so EuroNatur Präsident Claus-Peter Hutter. Die Grüne Woche spiegle wider, was auf den vielen Verpackungen längst Realität sei. Mit idyllischen Bildern glücklicher Kühe und Hühner sowie romantischer Landschaften werde den Verbrauchern eine heile Welt vorgegaukelt, die der tatsächlichen Situation in den wenigsten Fällen entspräche. Wo mit Idylle geworben werde, stecke oft Tierleid und Umweltbelastung drinnen.

Dies sei ein Ergebnis der sich immer weiter nach unten drehenden Preisspirale, die auch dazu führe, dass immer mehr Landwirte aufgeben müssen und so Arbeitsplätze verloren gehen. Nach Mitteilung von EuroNatur waren Anfang 2006 in Deutschland rund 25.000 Landwirte weniger gemeldet als noch zwei Jahre zuvor. Die Bauern würden zunehmend dem Druck der Lebensmittelindustrie weichen.

Vor diesem Hintergrund ist es fragwürdig, dass LIDL mit dem "Erlebnisbauernhof" auf der Grünen Woche kooperiert, der u.a. vom Deutschen Bauernverband veranstaltet wird. "Das sei etwa so, als wenn sich ein Verband für Alkoholkranke von Kognakherstellern sponsern lasse. Beim 'Erlebnisbauernhof' fördert ein Lebensmitteldiscounter, der einen immensen Preisdruck auf die Landwirte ausübt, eine der zentralen Informationsplattformen der Grünen Woche, auf der die normalen Verbraucher über das Leben der Landwirte informiert werden sollen", so die Umweltstiftung.

"Neben dem fatalen Preiskampf verlieren jene Bauern, die eine sozialverträgliche und die Natur bewahrende Form der Landwirtschaft praktizieren, auch die finanzielle Förderung", beklagt EuroNatur-Agrarexperte Lutz Ribbe. Die Staats- und Regierungschefs hätten nämlich für die Jahre 2007 - 2013 das Finanzvolumen der Förderprogramme zusammengestrichen, welche eine nachhaltige Landwirtschaft unterstützen.

Viel zu lange wurde das Bedürfnis der zunehmend umweltbewussteren Verbraucher nach mehr biologisch produzierten Nahrungsmitteln ignoriert, so Stiftungspräsident Claus-Peter Hutter. Die hohe Nachfrage nach Bioprodukten könne derzeit nicht von einheimischen Bauern gedeckt werden und müsse über massive Importe aus dem Ausland gedeckt werden. Dies sei ein Effekt der reduzierten EU-Fördermittel, weil immer weniger Bauern infolge fehlender Ökoprämien auf biologische Produktion umstellen. Dies sei nicht nur die Schuld der EU, sondern auch die der falschen Weichenstellungen deutscher Landes- und Bundespolitiker.

Als Folge werden die strukturellen und sozialen Probleme der Ländlichen Räume, aber auch die Verluste an Biologischer Vielfalt in den deutschen Agrarlandschaften immer größer. So sind nach Aussage von EuroNatur 31 von 47 in Deutschland brütenden Feldvogelarten bedroht.

Daher fordert EuroNatur: "Politiker und Bauernvertreter, müssen ehrlicher zu den Bauern und Verbrauchern sein und endlich eine Politik verwirklichen, die Arbeitsplätze im Ländlichen Raum schafft und die natürlichen Grundlagen für die nächsten Generationen erhält."

Politiker und Bauernvertreter müssen sich dafür einsetzen, die Gelder des EU-Agrarhaushaltes so umzuverteilen, dass die Programme zur Ländlichen Entwicklung, der Biolandbau und die Diversifizierung der Einkommen von Bauern besser gefördert werden.

 

Weitere Informationen:

Stiftung Europäisches Naturerbe (EuroNatur)

Konstanzer Straße 22; 78315 Radolfzell

Tel: 07732-92720; Fax 07732-927222

E-mail: info(at)euronatur.org

Internet: www.euronatur.org

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