Schauriges Schauspiel im Neretva-Delta

Vogelschützer im Einsatz gegen die Wilderei

© Stefan Ferger/ EuroNatur
Ivana Šarić im Neretva-Delta. © Stefan Ferger/ EuroNatur

Ivana Šarić von der kroatischen Naturschutzorganisation Biom berichtet über eine besondere Nacht im Vogelreservat Prud. Im Interview erzählt sie wie es gelungen ist, einen Wilderer im Dickicht des Neretva-Deltas zu fassen. Das Gebiet zählt zu den wichtigsten Vogellebensräumen an der östlichen Adria und ist gleichzeitig eine Hochburg der Wilderei

 

EuroNatur: War Euch klar, dass in jener Nacht Wilderer im Vogelreservat Prud unterwegs waren? 

Ja, daran bestand kein Zweifel. Das Geräusch von Schüssen war allgegenwärtig. Man konnte sie sogar in den umliegenden Restaurants und Hotels hören. 

EuroNatur: Ist es schwierig, Wilderer im Neretva-Delta zu fassen? Wie groß war die Chance, einen von ihnen zu erwischen?

Am Morgen des 6. Dezember 2017 waren wir noch ziemlich ratlos wie uns das gelingen sollte. Wir standen enorm unter Druck, weil der Leiter der kroatischen Naturschutzinspektion uns voll unterstützte und uns eine Inspektorin geschickt hatte, die bereit war, Überstunden zu machen und sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Sie hatte auch veranlasst, dass zwei örtliche Polizisten auf Abruf bereit stehen. Es ist zwar schwierig, Wilderer in dem Labyrinth aus Kanälen zu fassen zu kriegen, aber es ist möglich – selbst nachts. Endlich hatten wir die Gelegenheit, das der Naturschutzinspektion und der Polizei zu beweisen und wir wollten diese Chance unbedingt nutzen. Wir waren uns bewusst, dass dafür viel zusammen kommen muss: Die Wilderer mussten in dieser Nacht dort unterwegs sein, wo wir sie erwarteten, wir mussten sie noch bei Tageslicht entdecken, um zu wissen, welche Kanäle sie nutzen und die Polizei musste schnell reagieren. Ich selbst war, ehrlich gesagt, nicht sehr optimistisch. Doch als wir dann beobachteten, wie ein Auto in der Nähe eines Kanals parkte, eine Person in ein Boot stieg und zu einem Wildererversteck an einem der Teiche paddelte wussten wir: Das ist unsere Nacht! 

EuroNatur: Es kostet sicherlich viel Mut, Wilderern nachzustellen – noch dazu nachts und in einem Dickicht aus Schilf. Ward ihr zu irgendeinem Zeitpunkt in Gefahr? 

Wir hatten die Wilderer die ganze Zeit über von einem nahe gelegenen Hügel aus im Visier. Dieser Aussichtspunkt ist ideal, um das ganze Reservat zu überblicken und alle Schüsse zu hören. Es war für uns keine Option, ins Ried zu gehen. Niemand stößt gerne unvermittelt auf Wilderer, die mit Flinten an einem Teich stehen und Vögel töten. Aber wenn es nicht anders gegangen wäre, hätten wir es wahrscheinlich trotzdem gemacht. Zum Glück kam es nicht soweit.     

EuroNatur: Wie lief die Zusammenarbeit mit der Polizei? 

Es kamen zwei Polizeibeamte und sie waren sehr kooperativ. Sie haben den Wilderer umgehend auf die Polizeiwache gebracht und sie waren uns gegenüber sehr respektvoll. Vielleicht, weil sie wissen, wie schwierig es ist, einen Wilderer im Neretva-Delta zu fassen. Vielleicht aber auch, weil die Naturschutzinspektorin dabei war. 

EuroNatur: Hat sich der Wilderer gewehrt? 

Er ist gleich in das Polizeiauto eingestiegen. Aber als die Polizisten ihm erklärt haben, dass er eine Nacht im Gefängnis verbringen müsse und seine Tat strafrechtlich verfolgt würde – da hat er angefangen, sich zu wehren. Ich konnte es nicht sehen, ich habe ihn aber durch die geschlossene Tür gehört. Im Neretva-Delta wird jede Nacht gewildert. Das war einer der seltenen Fälle, wo im Vogelreservat Prud ein Wilderer gefasst wurde. Ich denke, er konnte einfach nicht glauben, dass gerade ihm das passiert.  

EuroNatur: Was bedeutet dieser Erfolg für den Kampf gegen die Wilderei im Neretva-Delta? 

Es war das erste Mal überhaupt, dass in Kroatien eine solche Aktion gegen die Wilderei stattgefunden hat. In unserem Land werden jedes Jahr mindestens 166.000 Vögel illegal getötet. Es ist extrem wichtig, in den Brennpunkten der Wilderei dagegen einzuschreiten. Die Naturinspektion und die Polizei sehen jetzt, dass es möglich ist, die Wilderer zu fassen – sogar in einem Labyrinth aus Schilf. Trotzdem liegt noch viel Arbeit vor uns. Wir müssen ein grundlegendes Umdenken erreichen, um das illegale Töten von Vögeln landesweit zu unterbinden. Ich freue mich sehr darauf, mit der Unterstützung von EuroNatur im Neretva-Delta weiter daran zu arbeiten.  

 

Ivana, herzlichen Dank für das Gespräch! 

Das Interview führte Katharina Grund

“Schauriges Schauspiel im Neretva-Delta" - die ganze Geschichte

EuroNatur Magazin 1 2018 Deutsch Vogeljagdcamps Neretva

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