Unsere Meinung - Weshalb wir die Initiative #RED4Nature brauchen

Windräder vor Sonnenaufgang Windräder vor Sonnenaufgang
© Jürgen Schneider

Eine nachhaltige und grüne Europäische Union ist möglich – aber wie?

Die Zukunft der Europäischen Union hängt an einem umfassenden Wandel hin zu einem dezentralisierten Energiesystem. Nur so kann die Natur geschützt werden.

18. Januar 2022

Was wir fürs Wirtschaftswachstum opfern, wird uns teuer zu stehen kommen

Schmetterling auf Futterpflanze

Aurorafalter auf Wiesenschaumkraut

© Gunther Willinger

Es lässt sich nicht wegdiskutieren: Wir stecken in einer tiefen Öko- und Klimakrise. Wir sind an der Zerreißgrenze angelangt und unsere Ökosysteme brechen zunehmend zusammen. Schon der Verlust bestimmter einzelner Arten und Lebensräume kann Kaskadeneffekte nach sich ziehen, die u.a. unsere Böden und damit unsere Lebensmittel, oder unsere Gewässer inkl. Trinkwasser beeinträchtigen. Unser Leben hängt von den Ökosystemen ab.

Doch während es mit unseren Flüssen, Wäldern und Meeren abwärts geht, wollen wir Menschen immer mehr bauen, noch mehr Ressourcen ausbeuten und die letzten Wildnisgebiete ausnutzen. Dabei vergessen wir, dass wir unsere Ökosysteme widerstandsfähiger machen müssen. Wenn wir die Klimakrise angehen wollen, müssen wir die ökologische Tragfähigkeit des Planeten beachten und zukunftsfähig handeln – nicht nur um die Kohlenstoffemissionen zu reduzieren, sondern auch um sicherzustellen, dass die Natur geschützt und wiederhergestellt wird. Die Klimaziele und die Biodiversitätsziele sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide werden für einen gesunden Planeten gebraucht, was auch die Wissenschaftlerinnen sowohl des IPCC als auch des IPBES sehr deutlich zum Ausdruck gebracht haben.

Viele Menschen in Europa sehen den Weg dorthin aber mit Skepsis, vor allem weil es über die Energieversorgung so viel Desinformation und Greenwashing gibt. Unsere Gesellschaft braucht Energie, aber wir müssen uns von fossilen Brennstoffen und Kernenergie wegentwickeln. Um eine Balance zwischen diesem Wandel des Energiesystems und dem Schutz der Natur zu erreichen, müssen wir die Lösungsansätze differenziert betrachten und die Win-win-Lösungen heraussuchen. Die wichtigste Rechtsnorm in diesem Prozess wird die Erneuerbare-Energie-Richtlinie der EU sein.

© Matthias Meißner

Energielösungen, die mit der Natur arbeiten, sind der richtungsweisende Weg

Es gibt keine einfache Antwort. Alle Formen von erneuerbarer Energie, etwa Windkraft oder Solarenergie, stellen Eingriffe in die Natur dar. Diese können aber abgemildert werden: durch vernünftige Raumplanung; durch die Reduktion anderer belastender menschlicher Aktivitäten (z.B. Fischerei, Wilderei); und generell durch eine Erhöhung der Widerstandskraft der Ökosysteme durch Renaturierung.

Aber Vorsicht vor Greenwashing!

Eines ist aber auch gewiss: Es gibt Formen erneuerbarer Energie, die so naturzerstörerisch sind, dass keine Raumplanung sie akzeptabel machen kann. Dazu zählen die Wasserkraft und die energetische Nutzung von Waldbiomasse, die gleichwohl beide gerne als „grüne und saubere“ Energieformen präsentiert werden. Wasserkraftwerke, ob klein oder groß, zerstören Flussökosysteme und vermindern ihre Biodiversität. Sie stören die Wanderbewegungen der Fische, vernichten Lebensräume, die vom natürlichen Überflutungsrhythmus der Flüsse abhängig sind, senken den Grundwasserspiegel und vergrößern die Gefahr katastrophaler Hochwasserereignisse. Die Gewinnung von Waldbiomasse degradiert Waldökosysteme und Lebensräume von Tieren, darunter gefährdete Arten wie Bären, Luchse und Wölfe.

Der Alqueva-Staudamm in Portugal

Der Alqueva-Staudamm in Portugal

© Ceinturion; Wikimedia Commons

Es macht mich immer noch sprachlos, dass in meinem Heimatland Portugal der Alqueva-Staudamm errichtet wurde, dessen Bau Natura 2000-Gebiete zerstört, Dörfer überschwemmt und prähistorische Kunst vernichtet hat.

Es geht darum, wie viel Energie wir verbrauchen und woher wir sie beziehen

Unsere zukünftigen Energiesysteme müssen mit einer massiven Reduktion unseres Energieverbrauchs einhergehen, sodass wir weniger Energie erzeugen müssen, um unser Leben zu leben. Dazu gehören nicht nur Änderungen im Konsumverhalten, sondern auch Entscheidungen der Regierungen über die zukünftige Netzinfrastruktur. Dass heute in der Europäischen Union akzeptiert wird, dass fast die Hälfte der bereitgestellten Energie verlorengeht, ein großer Teil davon aufgrund der großen Verteilungsdistanzen zwischen Erzeuger und Endverbraucher, ist mir schlichtweg unerklärlich. Eine mögliche Lösung dafür besteht darin, unsere Netze neu zu denken, mehr lokale Energieerzeuger zu haben und die Endverbraucher mit der nächstgelegenen Quelle zu verbinden. Damit einher geht die Dezentralisierung unseres Energiesystems und die Möglichkeit für Haushalte, Energie zu liefern, und damit die Schaffung von Gemeinschaftsinseln. Photovoltaik wird hierbei eine große Rolle spielen. Zentralisierte Systeme, etwa neue Wasserkraftwerke, sollten hingegen vermieden werden. Aktuell stützt sich Europa noch auf zentralisierte Energiesysteme, d.h. es gibt nur wenige Erzeuger, die den Großteil der Energie liefern.

Ein weiteres Element der Lösung ist die Renovierung von Gebäuden, um die Energieverluste zu verringern. Das erleichtert ländlichen Gemeinden auch den Ausstieg aus Kohle- oder Holzverbrennung. Bei „deep renovation“ wird sowohl der Energieverlust der Gebäude minimiert als auch den Bewohnern ermöglicht, Energie selbst zu erzeugen. Außerdem werden die Heizsysteme so restrukturiert, dass sie an neue Energiequellen, etwa Geothermie, angeschlossen werden können.

Naturschutzdrama in den Karpaten

Degradierte Waldfläche in den rumänischen Karpaten

© Matthias Schickhofer/EuroNatur

Neues Jahr, neue Energie

Eine Win-win-Situation sowohl für Klimaschutz als auch für Biodiversitätsschutz schaffen wir, indem wir von problematischen Arten der Energieerzeugung und exzessivem Verbrauch wegkommen und Lösungen entwickeln, die verallgemeinerbar sind. Die EU muss daher ihre Betrachtung der Energiesysteme grundlegend verändern und ihr eine neue Richtung geben. Wir werden unsere Ziele nicht erreichen, wenn wir uns weiterhin auf dieselben alten zentralisierten Modelle konzentrieren und keine langfristige Vision entwickeln. Die Politik muss dringend aktiv werden, um die Klimakrise und die Biodiversitätskrise gleichzeitig anzupacken.

Im Juli 2021 hat die Europäische Kommission Schritte unternommen, um eine ganze Reihe energiebezogener Gesetzestexte zu novellieren. Leider liegt der Fokus dabei auf kreativer Buchführung und Fortsetzung des Business-as-usual. Bei EuroNatur sind wir überzeugt, dass eine bessere Zukunft möglich ist und daher werden wir die nächsten Jahre die Politikerinnen und Abgeordneten davon zu überzeugen versuchen, dass die Erneuerbare-Energie-Richtlinie gleichzeitig der Natur helfen (#RED4Nature) und zu den Klimazielen beitragen kann.

EuroNatur Senior Policy Officer
© Katharina Grund

Autorin: Bruna Campos ist Senior Policy Manager bei EuroNatur und eine eifrige Verfechterin eines Systemwandels in der Europäischen Union.

Wir freuen uns über eure Gedanken zum Blog-Beitrag. Schreibt Bruna eine Mail mit eurer Meinung zu diesem Thema: bruna.campos(at)euronatur.org

 

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