Blauem Herz Europas droht der Infarkt

Ein Teil des Flussdeltas der Mora?a (Mündung in den Skutari-See) ist durch die geplanten Wasserkraftwerke mitsamt seiner ausgedehnten, einzigartigen Weichholzaue massiv bedroht.

© Ulrich Schwarz, Fluvius

Zwei aktuelle Studien belegen erstmals Naturwerte der Balkan-Flüsse

Ausbau für Wasserkraft in großem Stil geplant

 

Presseinformation vom 16. Mai 2012


Radolfzell.   „Es besteht die akute Gefahr, dass das „Blaue Herz Europas“ und damit ein über Jahrmillionen gewachsenes, einzigartiges europäisches Naturerbe mit einem Schlag zerstört wird“, warnt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der europaweit tätigen Naturschutzstiftung EuroNatur. Nirgendwo sonst in Europa gibt es eine vergleichbar große Zahl natürlicher und unzerstörter Flusslandschaften wie auf dem Balkan. Bisher waren diese Naturschätze selbst unter Experten unbekannt. EuroNatur und die österreichische Naturschutzorganisation ECA Watch haben zwei Studien in Auftrag gegeben, welche die ökologische Bedeutung der Flüsse auf dem Balkan erstmals belegen. Zum Untersuchungsgebiet zählten sämtliche Länder des ehemaligen Jugoslawien, Albanien sowie die grenzübergreifenden Fluss-Einzugsgebiete im Dreiländereck zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Knapp ein Drittel dieser Lebensadern sind noch in einem ursprünglichen Zustand und von Menschen so gut wie nicht verändert. In Albanien und Mazedonien beträgt der Anteil der natürlichen Flüsse sogar zwei Drittel. Zum Vergleich: In Deutschland gelten nur noch zehn Prozent der Flüsse als naturnah, 60 Prozent sind dagegen stark reguliert. 

Hotspot der Biodiversität in Europa

Noch zählt das „Blaue Herz Europas“ zu den Hotspots der Biodiversität. Unter anderem kommen hier mehr als die Hälfte aller in Europa gefährdeten Süßwasser-Mollusken und 28 Prozent sämtlicher in Europa gefährdeten Süßwasser-Fischarten vor – darunter die Adria-Muschel und die Adria-Forelle. Zudem zeichnet die Region eine besonders große Dichte endemischer Fischarten aus: Allein 69 Fischarten gibt es nur auf dem Balkan (südlich der Donau und nördlich von Griechenland). Einige davon kommen dort wiederum nur in wenigen Flüssen vor. Für diese höchst sensiblen Perlen der europäischen Naturschatzkiste können selbst geringfügige Eingriffe in ihren Lebensraum schnell das Aus bedeuten. Doch genau dieser sensiblen und einzigartigen Vielfalt droht jetzt ein Generalangriff der Wasserbaulobby.


Generalangriff der Wasserbaulobby



Nahezu alle Balkan-Flüsse sollen für die Wasserkraftnutzung ausgebaut werden. Nach Recherchen von EuroNatur und ECA Watch sind derzeit 573 große Wasserkraftwerke (mit mehr als einem Megawatt Leistung) geplant. Hinzu kommt ein Netz aus unzähligen kleineren Anlagen. Selbst hochrangige Schutzgebiete bleiben von den Plänen nicht verschont. So will die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (engl.: EBRD) mitten im zweitältesten und größten Nationalpark Mazedoniens, dem Mavrovo-Nationalpark, den Bau eines großen Staudamms zur Stromgewinnung fördern. Zu den besser bekannten Opfern der Ausbaupläne zählt unter anderem auch die Save und damit eines der letzten natürlichen Flusssysteme Mitteleuropas. Mehr als 100 Wasserkraftwerke und Staustufen sind hier vorgesehen - sowohl am Hauptfluss als auch an den Nebenflüssen. „Wenn diese intakten Flusssysteme einmal zerstört sind, lässt sich der damit verbundene Verlust für die Biodiversität in Europa niemals rückgängig machen, auch nicht durch Ausgleichsmaßnahmen!“, sagt Ulrich Eichelmann, Koordinator von ECA Watch.



Hintergrundinformationen:

  • Die mit finanzieller Unterstützung der Schweizer Mava-Stiftung durchgeführten Studien „Balkan Rivers – The Blue Heart of Europe. Hydromorphological Status and Dam Projects“ und „Threatened freshwater molluscs of the Balkan – Potential impacts of hydropower projects) stehen hier zum Download bereit.

 

Interviewpartner und Rückfragen:

EuroNatur

Konstanzer Str. 22

78315 Radolfzell

Tel.: 07732 - 92 72 10

Fax: 07732 - 92 72 22

E-Mail: info(at)euronatur.org

Internet: www.euronatur.org

Ansprechpartner: Gabriel Schwaderer

Pressekontakt: Katharina Grund

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