Eine Erfolgsgeschichte in Naturaufnahmen

Können Sie sich noch an das Jahr 1993 erinnern? Bill Clinton wurde als 42. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt, die Rote Armee Fraktion verübte ihren letzten Anschlag in Deutschland und der Dancefloor-Song Mr. Vain von Culture Beat war der Sommerhit des Jahres. Lang ist’s her…Und noch etwas Bedeutendes, zumindest für EuroNatur, geschah in jenem Jahr: Der EuroNatur-Fotowettbewerb „Naturschätze Europas“ erblickte das Licht der Welt.

Die Natur den Menschen nahebringen

Frau fotografiert Löwenzahn

Bei der Naturfotografie kann man zunächst auch mit dem eher Gewöhnlichen beginnen...

© Antonio Guillem F/deposit
Fasan auf Kalendercover

Cover des aktuellen EuroNatur-Kalenders

© Lutz Klapp
ein Rehbock durchquert einen Fluss

3. Platz der "Naturschätze Europas 2022"

© Luca Lorenz

Nur was Menschen kennen, können sie Wert schätzen. Nur was sie Wert schätzen, werden sie auch schützen. Dies war die Intention, 1993 den EuroNatur-Fotowettbewerb ins Leben zu rufen. Dieser Beweggrund ist auch heute noch, 30 Jahre später, aktuell. Was 1993 als kleiner Wettbewerb mir etwa 150 Einsendungen begann, entwickelte sich in den kommenden 30 Jahren zu einem der renommiertesten Naturfotowettbewerbe Europas mit zuletzt 3.100 eingereichten Aufnahmen von Europas Tieren, Pflanzen und Landschaften. Vor allem die Umstellung der nicht mehr zeitgemäßen Sach- auf Geldpreise im Jahr 2017 hat zu einem wahren Boom an Einsendungen geführt.

Von Beginn an konnten sich naturbegeisterte Menschen die Naturaufnahmen in die eigenen vier Wände holen, die ersten Jahre mit einem Tischkalender. Dieser war als Wochenkalender aufgebaut, umfasste also viel mehr Bilder als der heutige Monatskalender. „Es gab damals deutlich weniger Einsendungen, gleichzeitig konnten wir viel mehr Fotos drucken“, erinnert sich EuroNatur-Geschäftsführer Gabriel Schwaderer an die Anfangszeit des Fotowettbewerbs zurück. „Die Chance, es in den Kalender zu schaffen, ist deutlich geringer geworden.“

Dafür ist die Qualität der Kalender gestiegen. Der großformatige Wandkalender ist eines der Premiumprodukte der EuroNatur Service GmbH mit einer alljährlichen Auflage von 2.800 Stück. Jedes Jahr aufs Neue gibt es einen fixen Stamm an sehr guten Fotografinnen und Bildermachern, die auch bei anderen Fotowettbewerben Preise gewinnen. Doch auch Nachwuchsfotografen wird bei den „Naturschätzen Europas“ eine Chance gegeben. Beim Fotowettbewerb 2022 gewann etwa der erst 17-jährige Luca Lorenz mit seinem schwimmenden Rehbock den 3. Preis. 

Aus 3000 macht 12

Wer entscheidet eigentlich, welche Fotos die begehrten zwölf Siegerplätze belegen? Eine feste Institution in der Wettbewerbsjury ist Kerstin Sauer. Seit 16 Jahren betreut die Grafikerin bei EuroNatur hauptverantwortlich den Fotowettbewerb. Ebenfalls fast immer mit dabei: EuroNatur-Geschäftsführer Gabriel Schwaderer. Unterstützung bei der finalen Auswahl der Bilder bekommen die beiden von unseren kompetenten Partnern, mit denen wir den Kalender gemeinsam herausgeben und die ganz unterschiedliche Expertise mit einbringen. Seit einigen Jahren sind es die Zeitschrift „natur“, die Gelsenwasser AG und das Fotostudio LichtBlick in Konstanz.

Die Jurysitzung findet alljährlich im Frühsommer statt, vor Corona in den Räumlichkeiten der Akademie für Natur- und Umweltschutz in Baden-Württemberg. Für diesen Termin reisten alle Jurymitglieder nach Stuttgart. Seit 2020 treffen sich die 3 bis 5 Frauen und Männer online, um zu entscheiden, welches die besten Naturfotos des Jahres sind. „Die erste digitale Jurysitzung war eine Herausforderung“, meint Kerstin Sauer. „Wir alle waren noch nicht so geübt in Zoom und so kamen die typischen Fragen auf: »Könnt ihr mich hören?« »Wie teile ich meinen Bildschirm?« Zudem stellte sich die Frage, wie konzentriert wir den ganzen Tag digital Fotos anschauen und bewerten können. Mittlerweile sind wir routiniert und behalten das Online-Format sehr wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren bei“, so Sauer. Die Terminfindung sei leichter und man könne sich die Anreise aus verschiedenen Ecken Deutschlands nach Stuttgart sparen.

Fotowettbewerbsjury tagt

Die Jurysitzung 2021. Mit dabei: Kerstin Sauer (o.r.) und Gabriel Schwaderer (m.r.)

Bei der großen Anzahl von Einsendungen liegt es auf der Hand, dass Kerstin Sauer bereits vor Beginn der Jurysitzung eine Vorauswahl trifft. Diese präsentiert sie den Jurykolleginnen dann in einem Schnelldurchlauf. Um den Favoritenkreis einzugrenzen, braucht es zunächst nur eine einfache, ab den letzten verbliebenen rund 50 Bildern eine absolute Mehrheit. „Da kommt es dann auch schon mal zu Diskussionen“, sagt Kerstin Sauer. „Jedes Jurymitglied gewichtet die verschiedenen Kriterien unterschiedlich stark und gleichzeitig wollen wir mit den ausgewählten Motiven eine möglichst große Vielfalt von Europas Natur abbilden. Das hilft dabei, die Bildsprache des Kalenders immer wieder spannend zu gestalten,“ ergänzt Gabriel Schwaderer.

Welche Bilder es grundsätzlich nicht unter die besten 12 schaffen, sind Aufnahmen von Haus- und Nutztieren. „Wir hatten vor einigen Jahren eine Flut von Katzenbildern“, erinnert sich Kerstin Sauer. „Vermutlich war es das Jahr, in dem die Katzenvideos bei YouTube so beliebt wurden. Aber wir wollen Europas Natur abbilden, deshalb schaffen es nur Wildtiere und Wildpflanzen in unseren Kalender“, stellt Sauer klar. Auch Aktfotografie wird – wenngleich immer wieder eingereicht –konsequent aussortiert. Die Aufnahmen können noch so ansprechend sein oder in wunderschöner Landschaft aufgenommen; Fotos mit Menschen haben keine Chance bei den „Naturschätzen Europas“.

In zwölf Fotowettbewerbsbildern durch das Jahr

(Die Einreichungen stammen aus den Jahren 2016-2022)

Neue Technik-Trends und fehlende Arten

Sperlingsvogel auf Ast

Lange Zeit unvorstellbar, dass der Feldsperling in seinen Beständen abnehmen könnte; seit 2015 auf der Vorwarnliste der Brutvögel Deutschlands. Der Feldsperling steht syptomatisch für den Niedergang der Feld- und Flurarten in Mitteleuropa.

© hlavkom/deposit

Wie rasant sich die Welt in den zurückliegenden 30 Jahren entwickelt hat, spürt man auch anhand der technischen Entwicklungen des EuroNatur-Fotowettbewerbs. Wurde 1993 der Großteil der Fotos noch als Diaaufnahme oder gar als Ausdrucke eingereicht, ist deren Anteil in den zurückliegenden Jahren massiv zurückgegangen. Digitalfotografie dominiert deutlich, spätestens seitdem die Teilnahme auch online möglich ist. Hinzu kommen Drohnenaufnahmen, die ganz neue Landschaftsperspektiven zeigen. Weitere Trends der jüngeren Zeit: Einsendungen aus weiter entfernten Regionen Europas (Skandinavien) oder schwieriger zu erreichenden Lebensräumen (Unterwasserfotografie) sowie eine zunehmende Internationalisierung (beim Wettbewerb 2018 Einsendungen aus 56 verschiedenen Ländern).

Ein Trend jedoch ist besorgniserregend: „Früher wurden viel mehr Insektenbilder und Fotos von Allerweltsarten eingereicht“, sagt Kerstin Sauer. „Ich glaube nicht, dass dies mit einem geringeren Interesse oder einer neuen Ästhetik zu tun hat. Es spiegelt vielmehr den dramatischen Verlust unserer Biodiversität wieder.“

Wenn es kaum noch Rebhühner, Schmetterlinge oder Kornblumen in der ausgeräumten Landschaft gibt, kann sie auch niemand mehr fotografieren.

Kerstin Sauer, Grafikerin und Hauptverantwortliche des Fotowettbewerbs bei EuroNatur sowie Sprecherin des Arbeitskreises Biodiversität Reichenau

Anlässlich des runden Geburtstags der „Naturschätze Europas“ hat Kerstin Sauer zwei Wünsche. „Bisher ist das Geschlechterverhältnis bei den Einreichungen noch nicht ausgewogen. Ich möchte ausdrücklich auch Fotografinnen ermuntern, am Wettbewerb teilzunehmen. Und ich würde mich freuen, wenn die Natur-und Fotografiebegeisterten weiterhin offenen Auges durch die Natur gehen und sich Zeit nehmen für schöne Aufnahmen. Dann bin ich überzeugt davon, dass die Siegerbilder des EuroNatur-Fotowettbewerbs Menschen auch in den nächsten 30 Jahren für die Schönheit und Vielfalt von Europas Natur begeistern werden.“


Auch für den Autor des Artikels hielt 1993 einen besonderen Moment parat: Er wurde in jenem Jahr eingeschult.

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