Käse und Wurst bringen Arbeit aufs Land

EU-Kommissarin Fischer Boel nimmt EuroNatur-Studie über Arbeit in der Landwirtschaft entgegen

 

Presseinformation vom 15. März 2007

 

 

Schwäbisch Hall. Wachsen oder weichen ist nicht mehr die einzige Alternative für die Landwirtschaft. Eine von der Umweltstiftung EuroNatur im Auftrag von "Hohenlohe aktiv" und der Landwirtschaftlichen Rentenbank erstellte Studie hat eine positive Entwicklung von Arbeitsplätzen auf Höfen festgestellt, die neue Wege gegangen sind. Die Studie wurde heute EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel bei ihrem Besuch in Schwäbisch-Hall vorgestellt.

Die Studie verdeutlicht, dass die Zahl der Beschäftigten in denjenigen Betrieben stieg, die sich neben der Produktion landwirtschaftlicher Rohstoffe weitere Einkommensquellen erschlossen haben. Insgesamt haben die 66 befragten Betriebe 36 neue Stellen (Vollzeitäquivalente) geschaffen – ein erstaunliches Ergebnis, wenn man die sonst üblichen Zahlen des in jeder Hinsicht rückläufigen Agrarsektors betrachtet. Die untersuchten Betriebe liegen mit ihren durchschnittlich drei Beschäftigten weit über dem Durchschnitt baden-württembergischer Betriebe (1,2 Beschäftigte pro Betrieb). Der Einstieg in die Weiterverarbeitung, Vermarktung oder auch in Dienstleistungen wie Ferien auf dem Bauernhof lohnt sich also. Zwei Drittel der befragten Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen empfinden die Diversifizierung ihrer Landwirtschaft als wirtschaftlich erfolgreich und als einen positiven Gegenpol zum steten Preisverfall der landwirtschaftlichen Urproduktion. Sorgen um die Hofnachfolge kennen daher nur wenige der Betriebe. Vielfach haben sich die landwirtschaftlichen Familienbetriebe sogar zu kleinen "Holdings" entwickelt, unter deren Dach verschiedene landwirtschaftliche Erwerbszweige versammelt sind und zahlreiche Familienmitglieder Einkommen und Arbeit finden. Die positive Entwicklung der Höfe strahlt in die ganze Region aus, denn Zulieferer, Handwerker und auch Abnehmer erhalten zusätzliche Aufträge.

Angesichts globalisierter und zunehmend liberalisierter Agrarmärkte und der damit verbundenen Konzentration der Lebensmittelindustrie auf immer weniger, logistisch günstige Standorte, stellt sich für viele landwirtschaftliche Regionen die Frage, wie weiteren Verlusten an Arbeit und Einkommen entgegen gewirkt werden kann. Die Region Hohenlohe ist nicht zuletzt durch ihre erfolgreiche Regionalentwicklungspolitik, unterstützt durch das Bundesprojekt "Hohenlohe aktiv", neue Wege gegangen. Investiert wurde in regionale Wertschöpfungsketten für Fleisch, Getreide und Milch. Vier dieser Ketten hat die Studie unter die Lupe genommen: Knapp 300 neue Arbeitsplätze sind dort entstanden und Mehrerlöse von rund drei Millionen Euro pro Jahr für die Qualitätsfleisch liefernden bäuerlichen Betriebe.

Wie viel Geld kostet eine solche arbeitsplatz- und einkommenschaffende und die Kulturlandschaft erhaltende ländliche Entwicklung? Während der Streit um die Verteilung der Agrarmittel auf vollen Touren läuft, wurden im Rahmen der Studie die Ergebnisse ländlicher Entwicklungsförderung der letzten zwölf Jahre untersucht und Erstaunliches festgestellt. Weniger als 5% der Finanzmittel, mit denen in Baden-Württemberg die so genannte "2. Säule" der Agrarpolitik der EU umgesetzt wird, flossen in die beschriebenen Diversifizierungsmaßnahmen. Das heißt: Vergleichsweise wenig Geld wird benötigt, um mit einer Strategie der Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe erfolgreich zu wirtschaften und dabei noch Arbeitsplätze zu schaffen.

Damit der erfolgreich eingeschlagene Weg fortgesetzt werden kann, muss die Förderpolitik den Betrieben angepasst werden und nicht umgekehrt. Die Konzentration der künftigen Agrarinvestitionsförderung auf Beihilfen für reines Betriebswachstum kann nicht nur für ohnehin viehstarke Regionen problematisch werden, sondern schafft auch keine zusätzliche Arbeit. Die Förderpolitik sollte sich daher auf das schrittweise Wachstum derjenigen Betriebe einstellen, die eigenständig neue Märkte erschließen. Dass es hierzu nicht die großen Finanztöpfe braucht, zeigt die EuroNatur-Studie. Investiert werden muss in Ideen, kleine Maßnahmen und in den weiteren Aufbau regionaler und qualitätsorientierter Wertschöpfungsketten.

 

Eine Kurzfassung der Studienergebnisse und die Studie selbst erhalten Sie als pdf-Dateien hier. 

 

Rückfragen:

Stiftung Europäisches Naturerbe (EuroNatur)

Konstanzer Str. 22,

78315 Radolfzell

Tel.          07732 – 92 72 0

Fax          07732 – 92 72 22

E-Mail     info(at)euronatur.org

Internet     www.euronatur.org

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