Vier Jahre Jagdverbot in Albanien - eine Zwischenbilanz

Jetzt nur nicht die Flinte ins Korn werfen

Im Jahr 2014 verhängte die albanische Regierung ein komplettes Jagdverbot über das ganze Land, um den katastrophalen Rückgang der Wildtierpopulationen zu stoppen. Doch erfüllt der Jagdbann tatsächlich seinen Zweck? Der Wissenschaftler Daniel Ruppert von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde ist dieser Frage nachgegangen. Gemeinsam mit Mitstreitern der albanischen EuroNatur-Partnerorganisation PPNEA ist er zwischen September und Dezember 2017 bis in die entlegensten Gebiete Albaniens vorgedrungen. Im Interview berichtet Daniel Ruppert von den Ergebnissen seiner Feldstudie.

© PPNEA
Der Wissenschaftler Daniel Ruppert (rechts, mit Joni Vorpsi von PPNEA und dem lokalen Führer Ndoc Mulaj) drang für seine Studie in die entlegensten Ecken Albaniens vor. © PPNEA

Der Journalist und US-Bestseller-Autor Jonathan Franzen beschrieb Albanien nach einer Recherchereise als Todesfalle für Vögel. Das war gut ein Jahr bevor das landesweite Jagdverbot verhängt wurde. Trifft Franzens Beschreibung heute noch zu? 

Wenn man in Albanien wandern geht, kann man nach wie vor über Stunden keinen einzigen Vogel hören. Aber so drastisch wie Jonathan Franzen damals habe ich die Situation nicht mehr erlebt. Er geht eindrücklich auf den Jagdtourismus in Albanien ein. Was diesen Aspekt betrifft, hat der Jagdbann einen positiven Einfluss. Jonathan Franzen war zusammen mit dem damaligen stellvertretenden Umweltminister Taulant Bino im Nationalpark Divjaka-Karavasta unterwegs. Dort sind sie vielfach mit italienischen Jägern in Kontakt gekommen. Als ich mit Taulant Bino, Mitarbeitern von PPNEA und Nationalpark-Rangern Ende 2017 dort war, bekam ich von allen die einstimmige Rückmeldung, dass der Jagddruck durch Touristen dort stark zurückgegangen ist. Das ganze Gewerbe wurde für illegal erklärt und kann heute nicht mehr in der Form betrieben werden. Man muss aber auch sagen, dass Divjaka-Karavasta stark im Fokus der Medienberichterstattung stand und die Kontrollen deswegen viel intensiver durchgeführt wurden als in anderen Gebieten. Die Situation dort ist eher ein Ausnahmefall. 

Haben Sie auch andere Szenen erlebt?

Ja, zum Beispiel haben wir im Naturpark Skutari-See Gewehrschüsse gehört und auch Jäger gesichtet. Wenige Ranger sind dort für ein sehr großes Gebiet zuständig. Einer meinte, dass sie im Jahr 2017 bislang nur etwa fünf Vergehen gegen das Jagdverbot registriert hatten. Diese Aussage hat absolut nicht zu dem gepasst, was uns allein während unserer kurzen Stippvisite begegnet ist. Neben PPNEA haben dort im vergangenen Jahr auch andere albanische Nichtregierungsorganisationen zahlreiche Verstöße festgestellt. 

Die Studie hat gezeigt, dass der Jagdbann nur in Gebieten wirksam ist, die nationalen und internationalen Schutzstatus haben, wo die Umsetzung des Jagdbanns durch eine externe Finanzierung unterstützt wird, die verantwortliche Person nicht korrupt ist und Kontrollen durch die regionale Schutzgebietsverwaltung sowie durch NGOs stattfinden. Diese Aspekte sind selten alle erfüllt. In Gebieten ohne Schutzstatus finden generell keine Kontrollen statt. Gerade in den entlegenen Bergregionen lässt sich niemand vom Jagdbann abschrecken. Wenn man bedenkt, dass Schutzgebiete einen sehr kleinen Teil des Landes ausmachen –auf dem Papier sind es 18 Prozent – bleiben über 80 Prozent, die nahezu unkontrolliert sind. Nicht nur in den Bergregionen, sondern sogar direkt im Umland von Tirana sind Patronenhülsen zu finden.

Die Einhaltung des Jagdbanns wird also nicht zuverlässig kontrolliert. Werden Vergehen denn überhaupt geahndet?

Zu Beginn des Jagdbanns wurden noch konsequentere Kontrollen durchgeführt als jetzt und auch Sanktionen verhängt. Das hat stark nachgelassen. Ich habe im ganzen Zeitraum meiner Recherche keine einzige Kontrolle mitbekommen. Das Jagdmoratorium gibt gesetzlich eine Strafe vor, die von gut 600 Euro bis zu rund 8.000 Euro reicht. Das wird aber nicht umgesetzt. Die Ranger in den Schutzgebieten haben wenig Anreiz, für Sanktionen zu sorgen. Sie würden in ihrer Dorfgemeinschaft weiterleben, nachdem sie andere Dorfbewohner sprichwörtlich ans Messer geliefert haben. Außerdem ist Korruption in Albanien nach wie vor sehr verbreitet.

Wie gut sind die Menschen in Albanien über das Jagdverbot informiert und wie stehen sie dazu? 

Jeder, mit dem ich gesprochen habe – selbst in den entlegensten Regionen – hat schon mal von dem Jagdbann gehört. Aber ohne Kontrollen nehmen die Leute das Jagdverbot nicht ernst. Gerade die Menschen in den entlegenen Bergregionen haben mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Sie fühlen sich vom Staat verlassen. 

Die registrierten Jäger haben das Gefühl, dass der Jagdbann zu ihrem Nachteil wirkt. Ihrer Aussage nach sind sie die Einzigen, die nicht mehr jagen gehen, während illegale Jäger ungehindert weiter aktiv sind. Viele sind der Ansicht, eingeschränkte Verbote wären ausreichend, wie der Stopp der Jagd zur Brutzeit oder ein Verbot für bestimmte Jagdpraktiken. 

Sie berichten von Wilderern, die mit Kalaschnikows bewaffnet waren. Das klingt nach „Wildem Westen“ tief im Südosten Europas. Was motiviert die Menschen in Albanien zu wildern?

Für manche ist es ein Sport, andere machen Jagd auf Tiere, die Schaden an ihrem Eigentum anrichten, wie Wildschweine oder Bären. Allgemein ist der Einfluss der Menschen in den spärlich bevölkerten Gebieten verschwindend gering im Vergleich zu den organisierten Wilderern, die im großen Maßstab Tiere erlegen. Die Nachfrage der Restaurants sorgt dafür, dass es nach wie vor sehr lukrativ ist, jagen zu gehen. 

War die Recherche schwierig? Über Wilderei wollten doch wahrscheinlich die Wenigsten offen mit Ihnen sprechen… 

Ohne die Hilfe von PPNEA und deren enge Kooperation mit der lokalen Bevölkerung wäre die Recherche so gar nicht möglich gewesen. Die Leute waren teilweise sehr misstrauisch, weil ihnen bewusst ist, dass sie etwas Illegales machen. In einem Haus waren zum Beispiel große Gewehre an der Wand drapiert. Als unser Gastgeber mitbekommen hat, dass wir uns für den Jagdbann interessieren, hat er die Sachen abgehängt.  

Gab es für Sie eine unangenehme oder heikle Situation? 

Shalё ist eine sehr autarke, vom Rest abgeschnittene Bergregion in Nordalbanien. Schon auf dem Weg dorthin sind uns Jeeps begegnet, die mit bewaffneten Jägern in Camouflage bemannt waren. Wir haben bei einer Hütte Halt gemacht. Die Jäger haben dann gleich ihre Gewehre weggepackt, einige sind auch in den Wald verschwunden. Da hatte ich ein ungutes Gefühl. Ansonsten habe ich mich nie bedroht gefühlt. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass wir immer mit Leuten unterwegs waren, die vor Ort angesehen waren oder aus der Region kamen. 

Bemüht sich die albanische Regierung ernsthaft darum, dass sich die Wildtierpopulationen wieder erholen? 

Im Umweltministerium habe ich Leute kennengelernt, die sich sehr für die Umsetzung des Jagdbanns engagieren. Die Regierung als Ganzes behandelt das Jagdverbot aber als ein untergeordnetes Thema. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass es eher um eine Signalwirkung im Zuge der EU-Beitrittsbestrebungen von Albanien ging. Die Regierung wollte zeigen: Wir kümmern uns doch auch um den Umweltschutz. Aber die Implementierung wird nicht so ernst genommen. 

Ein landesweiter Jagdbann allein reicht offensichtlich nicht aus, um den katastrophalen Rückgang der Wildtierpopulationen in Albanien nachhaltig zu stoppen. Wie würde ein nachhaltiges Jagdregime aussehen und wie weit ist Albanien noch von der Umsetzung entfernt?  

Noch ziemlich weit. Ganz wichtig: Um Abschussquoten festlegen zu können, muss man erstmal einen Überblick darüber haben, welche Arten in welcher Populationsgröße vorhanden sind. In Albanien gibt es noch kein funktionierendes Wildtiermonitoring – abgesehen von der jährlich im Januar stattfindenden Internationalen Wasservogelzählung. Aktuell fehlt es an Finanzierung, klaren Strukturen und klaren Verantwortlichkeiten. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die verschiedenen Akteure zusammenarbeiten. EuroNatur setzt sich ja genau dafür ein. Es braucht eine Plattform, die der Regierung beratend zur Seite steht, um Schritt für Schritt ein nachhaltiges Jagdregime aufzubauen. Die Jagd darf kein untergeordnetes Thema mehr sein, das nur adressiert wird, wenn der internationale Druck groß wird. Es braucht eine klare Gewaltenteilung: wer bestimmt Jagdquoten, wer kontrolliert sie, wer verhängt Sanktionen. 

Daniel Ruppert, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Katharina Grund im Juni 2018

Hintergründe zum Jagdverbot in Albanien

© Xhemal Xherri/ PPNEA
Gewilderter Dachs in Vlora/ Albanien. © Xhemal Xherri/ PPNEA
  • Zu Zeiten des Kommunismus ist Albanien ein Paradies für Gämsen, Rehe, Hasen, Füchse und Vögel. Nur einer kleinen Elite ist die Jagd erlaubt.
  • Mit der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre ändert sich die Situation dramatisch. Sowohl legale als auch illegale Jagdaktivitäten nehmen schlagartig zu. Besonders nach den Unruhen im Jahr 1997 gerät eine große Anzahl illegaler Waffen in die Hände von Zivilisten. Gleichzeitig drängen vor allem italienische Jagdtouristen in das Land. Es kommt zu einem massiven Einbruch der Wildtierpopulationen. 
  • Nationale und internationale Naturschutzverbände, darunter EuroNatur und ihre albanischen Partner, setzen sich seit 2012 beharrlich für ein landesweites Jagdverbot ein.
  • Im Jahr 2013 veröffentlicht der US-amerikanische Bestseller-Autor, Journalist und Vogelliebhaber Jonathan Franzen im Magazin National Geographic den Essay „Letztes Lied für Zugvögel“ und erzeugt damit starke internationale Aufmerksamkeit. Er beschreibt Albanien als Todesfalle für Vögel. 
  • Der öffentliche Druck veranlasst die albanische Regierung, einen landesweiten Jagdbann auszuweisen (2014 - 2016). Das Jagdverbot erfährt breite Zustimmung, auch unter den Jägern. Das Umweltministerium legt einen Aktionsplan für die Reform des Jagdsystems in Albanien vor. 
  • Die Jagdreform verläuft schleppend. Zum Ende des zweijährigen Jagdbanns hat sich die Situation für die Wildtiere kaum verbessert. Die albanische Regierung beschließt – nun gegen den Widerstand der Jägerschaft – den Jagdbann um fünf Jahre zu verlängern (2016 - 2021). Ein Fahrplan für das weitere Vorgehen fehlt allerdings. 
  • Im März 2017 lehnt  das Verfassungsgericht in Tirana einen Antrag der Jäger auf Aufhebung des Jagdbanns ab und bestätigt stattdessen seine Verfassungsmäßigkeit.
  • EuroNatur und ihre albanischen Partner engagieren sich für die Einrichtung einer Plattform, welche die verschiedenen Akteure an einen Tisch bringt. Ziel ist es, ein nachhaltiges Management der Jagd zu erreichen.  

Die Studie

Assessing the effectiveness of the hunting ban in Albania

Zum Download (2 MB)

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