Wissenschaftler für die Vjosa

++ Forscherteam aus Österreich, Albanien, Deutschland und Slowenien untersucht Europas letzten Wildfluss ++ Pressekonferenz auf Flussinsel ++

Die Vjosa in Albanien ist der letzte große Wildfluss Europas außerhalb Russlands. Dieser Fluss ist bislang weitgehend unerforscht. Dennoch soll hier ein Stausee entstehen. © Gregor Subic
Pressekonferenz auf Vjosainsel: Der Experten wollen mit den Erhebungen der Forschungswoche auch zeigen, wie eine seriöse UVP angelegt sein muss. © Jens Steingässer
Die Grabschrecke (Xya Variegata) erinnert an Star Wars, lebt aber auf den Schotterflächen der Vjosa. © Gernot Kunz

Kutë/Albanien, Wien, Radolfzell, 2. Mai 2017. An der Vjosa im Süden Albaniens fand am 26. April eine Pressekonferenz statt, die es so wohl noch nie gegeben hat. Auf einer Insel inmitten des letzten großen Wildflusses Europas – der Vjosa – versammelten sich etwa 25 Wissenschaftler aus vier Ländern, um auf die verheerenden Folgen des geplanten Staudamms „Poçem“ aufmerksam zu machen. Sie appellierten an die albanische Regierung und v.a. an Staatschef Edi Rama, das Wasserkraftprojekt zu stoppen und eine seriöse Prüfung der Umweltfolgen (UVP) durchzuführen.

Die Vjosa gilt als der letzte große Wildfluss Europas außerhalb Russlands. Doch wissenschaftlich ist sie weitgehend unerforscht. Das will das international besetzte Forscherteam nun ändern. Vom 23. bis 29. April untersuchten Forscher aus Albanien, Österreich, Deutschland und Slowenien einen etwa fünf Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Flussabschnitt nahe der Ortschaft Kutë, die in dem Stausee versinken soll. Sie führten Vermessungen durch und bestimmten Flora und Fauna. „Wir sahen uns zu dieser ungewöhnlichen Aktion gezwungen, weil hier ein Staudammprojekt durchgeboxt werden soll ohne die Folgen für das gesamte Flusssystem ernsthaft überprüft zu haben. Wir wollen mit unseren Erhebungen aber auch zeigen, wie man eine seriöse UVP in einer der wertvollsten Naturlandschaften Europas angehen muss“, so Prof. Fritz Schiemer von der Universität Wien und Koordinator der wissenschaftlichen Initiative.

Die ersten Resultate der Forscher zeigen die unfassbare Vielfalt und Komplexität dieser Landschaft. Viele Tier- und Pflanzenarten, die an europäischen Fließgewässern längst verschwunden sind, konnten hier in großer Häufigkeit nachgewiesen werden. Darunter eine Reihe von Fluginsekten. Außerdem wurden in nur zwei Tagen 20 Fischarten dokumentiert. In den kommenden Wochen werden die Ergebnisse weiter ausgearbeitet und dann ein Abschlussbericht an die albanische Regierung übermittelt.

Einer der wichtigsten Arbeiten vor Ort war die erstmalige Vermessung von Querschnitten durch die Flusslandschaft. „Unsere Messungen belegen einen enorm hohen Geschiebetrieb und weisen darauf hin, dass sich der geplante Stauraum mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb von 20 bis 30 Jahren mit Sedimenten füllen würde. Mittelfristig wird damit die Energiegewinnung drastisch verringert. Es droht eine lose-lose Situation. Weitere Messungen sind zwingend notwendig“,  so Dr. Christoph Hauer von der Universität für Bodenkultur Wien.

Flussabwärts des geplanten Staudammes würde das im Stauraum zurückgehaltene Geschiebe zu Grundwasserabsenkungen, Austrocknung der Landschaft, Verlust von Arten und sogar zur Küstenerosion führen. Aleko Miho von der Universität Tirana: „Das Projekt „Poçem“ bedroht nicht nur den Abschnitt bei Kutë, sondern flussab die gesamte Vjosa bis zur Mündung, einschließlich der Narta Lagune. Doch das wurde bislang nicht untersucht. Unsere Initiative in dieser Woche soll nur der Beginn sein. Wir brauchen ein dreijähriges Forschungsprogramm, um die tatsächlichen Folgen des geplanten Ausbaus seriös beurteilen zu können.“


Drohnenvideomaterial zum Download (© Gregor Šubic): Video 1, Video 2

Hintergrundinformation:

• Die Vjosa gilt als der letzte große Wildfluss Europas außerhalb Russlands. Sie fließt auf etwa 270 Kilometer Länge von den Bergen Griechenlands bis in die Adria praktisch ohne technische Verbauungen. Nun will die albanische Regierung das Wasserkraftwerk „Poçem“ errichten.  Die UVP, die von der Regierung akzeptiert wurde, ist eine Farce. Erhebungen der Flora und Fauna wurden nicht durchgeführt ebenso wenig wie die ökologischen und hydrologischen Folgen flussabwärts des Dammes. Etwa 60 Prozent des UVP Textes waren nachweislich aus anderen Dokumenten kopiert, die nichts mit dem Projektgebiet zu tun hatten.

• Der Schutz der Vjosa ist ein Kernanliegen der Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“, einer Kampagne zum Schutz der Flüsse am Balkan, die von den Naturschutzorganisationen Riverwatch, EuroNatur sowie von lokalen Partnerorganisationen durchgeführt wird. In Albanien ist EcoAlbania Partner der Kampagne.

Liste der teilnehmenden Wissenschaftler


Rückfragen:

Prof Fritz Schiemer - Universität Wien - friedrich.schiemer@univie.ac.at  0043/69910188845

Prof Aleko Miho - Universität Tirana - mihoaleko@yahoo.com 0035/682707208

Cornelia Wieser - Riverwatch – cornelia.wieser@riverwatch.eu 0043/650454478

Christian Stielow - EuroNatur - christian.stielow(at)euronatur.org 07732/927215 (Pressekontakt)

Sie wollen helfen?

Spende

Zukunft braucht Natur. Wir setzen uns für sie ein. Bitte nutzen Sie Ihre Möglichkeiten, um zu helfen. Damit leisten Sie einen wirkungsvollen Beitrag zur Bewahrung von Europas Flüssen.

Fördermitgliedschaft

EuroNatur setzt auf langfristig angelegte Naturschutzprojekte statt Schnellschüsse. Mit Ihren regelmäßigen Spendenbeiträgen geben Sie uns die dafür nötige Planungssicherheit.

Nachrichten zum Blauem Herzen Europas

Neue Studie: Wasserkraftausbau bedroht Europas Fischparadies

In den Balkanflüssen leben 113 seltene und geschützte Fischarten. Kommt der Wasserkraftausbau wie geplant, würde das etwa 10 Prozent aller...

Neue Studie: Internationale Banken finanzieren Wasserkraft-Tsunami an unberührten Balkanflüssen

Eine heute veröffentlichte Studie von CEE Bankwatch Network zeigt auf, dass multilaterale Entwicklungsbanken mindestens 82 Wasserkraftprojekte in...

Albanien plant Flughafenbau im Schutzgebiet

++ Neuer internationaler Flughafen soll in der Narta-Lagune entstehen ++ Albanisches Parlament hat dem Bauvorhaben gestern zugestimmt ++ EuroNatur und...

Studie belegt: Kleine Kraftwerke, großer Schaden

Neue Studie: Kleine Wasserkraftwerke finanziert mit europäischen Mitteln schädigen naturbelassene Landschaften auf dem Balkan

Mavrovo-Nationalpark: Baustopp für Wasserkraftwerke gefordert

Berner Konvention: Mazedoniens Regierung wird aufgefordert, den Bau von Wasserkraftwerken im Mavrovo-Nationalpark zu stoppen

Albanischer Industrieverband setzt sich für die Vjosa ein

Der Widerstand in der albanischen Gesellschaft gegen die geplante Verbauung der Vjosa bekommt weitere Unterstützung. In einem offenen Brief an den...

Wasserkraft-Tsunami auf dem Balkan

Neue Erhebung belegt: Europas Wasserschatz wird geplündert ++ Auf dem Balkan sind 187 Wasserkraftwerke im Bau und 2.800 geplant ++ Viele Nationalparks...

„Hände weg von der Vjosa!“

Unter dem Motto “Mos ma prek Vjosën (Hände weg von der Vjosa!)” fand ein stimmungsvolles Open-Air-Konzert in Tirana statt. Die Musiker setzten damit...

Artenfunde an der Vjosa machen Schlagzeilen

Der Spiegel berichtet in einem Artikel sowie einem Podcast über die spannenden Ergebnisse, die Wissenschaftler in Tirana präsentierten. Bei einer...

Zwei neue Tierarten in geplantem Kraftwerksgebiet an der Vjosa entdeckt

++ Internationales Forscherteam findet in einer Woche 300 Tierarten, darunter eine neue Fisch- und Steinfliegenart ++ Geschiebetransport könnte...

Beeindruckende Aufnahmen von der Vjosa

Die ganze Schönheit und Ungezähmtheit der Vjosa lässt sich am besten aus der Luft erkennen. Im Rahmen der internationalen Forschungswoche Ende April...

Von Flussforschern und -schützern

Eine Multimedia-Story des Spiegel führt zum „letzten blauen Wunder Europas“, der Vjosa. Schauen Sie Hydrobiologen bei ihrer Arbeit zu und erfahren Sie...

Huchen protestiert auf der Drina Regatta

++ 20.000 Menschen auf der diesjährigen Flussveranstaltung auf der Drina in Serbien ++ NGOs protestieren gegen den geplanten Bau von Staudämmen am...

Filmpreis für ZDF-Doku „Wahnsinn Wasserkraft“

Beim internationalen Włodzimierz Puchalski Naturfilm Festival im polnischen Lodz erhielt Filmemacherin Birgit Hermes den begehrten Preis für die beste...

Fluss-Wissenschaftlern bei der Arbeit zuhören

Ein internationales Forscherteam untersuchte Ende April einen Abschnitt der Vjosa. In der Wissenschaftsreihe „Dimensionen“ berichtet der...

Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Zur Datenschutzerklärung