Europas letzte Wildflüsse in Gefahr: Fast 2.500 Kilometer an unberührten Balkanflüssen seit 2012 zerstört

Die erste vergleichbare regionale Bewertung seit über einem Jahrzehnt dokumentiert die Verschlechterung des Zustands der letzten Wildflüsse Europas: Der Anteil unberührter Flussabschnitte ist seit 2012 von 30 Prozent auf 23 Prozent zurückgegangen – ein erschreckender Verlust von 2.450 Flusskilometern. Die Flüsse Albaniens wurden schneller zerstört als die anderer Balkanländer, vor allem durch Wasserkraftprojekte und Flussregulierungen.

Karte des hydromorphologischen Zustands von 83.824 km Flüssen in elf Balkanländern.

Karte des hydromorphologischen Zustands von 83.824 km Flüssen in elf Balkanländern. Blau/Grün: naturnahe oder leicht veränderte Flüsse; Gelb bis Rot: mäßig bis stark verändert, Rot: Stauungen.

© Ulrich Schwarz | Fluvius
Satellitenbild eines Wasserkraftwerks am Fluss Fan

Das seit 2017 in Betrieb befindliche Fan-1-Wasserkraftwerk am Fan-Fluss (Zufluss des Mati, Albanien) verursacht erhebliche ökologische Schäden.

© Google Earth
Der Fluss Janjina fließt zwischen bewaldeten Hängen.

Dank der Naturschutzbemühungen des Blue Heart-Partners CZZS konnte ein Wasserkraftprojekt am Janjina-Fluss, einem Zufluss der Drina in Bosnien-Herzegowina, gestoppt werden. Der Fluss bleibt frei fließend.

© Bruno D'Amicis

Radolfzell/Wien, 21. Januar 2026 – Eine umfassende neue Bewertung der hydromorphologischen Bedingungen auf dem gesamten Balkan hat eine dramatische, sich beschleunigende Verschlechterung der für ihre Unberührtheit bekannten Wasserläufe der Region aufgezeigt. Der Bericht Hydromorphological Status of Balkan Rivers 2025, verfasst von Dr. Ulrich Schwarz (Fluvius Wien) im Auftrag von EuroNatur und Riverwatch im Rahmen der Kampagne Save the Blue Heart of Europe, untersucht 83.824 Flusskilometer in elf Ländern. Er zeigt, dass der Anteil naturnaher Flüsse von 30 Prozent im Jahr 2012 um 2.450 Flusskilometer auf nur noch 23 Prozent im Jahr 2025 gesunken ist. Dagegen haben stark veränderte Flussabschnitte zugenommen.

Die vollständige Studie steht zum Download zur Verfügung. Die Story Map enthält die Ergebnisse und die neuen Daten finden Sie in unserer interaktiven Karte.


Balkan insgesamt: Abwärtstrend

Die Studie offenbart ein besorgniserregendes regionales Muster:

  • Der Zustand der Flüsse auf dem Balkan verschlechtert sich seit 2012 kontinuierlich.

  • Größere Flüsse sind am stärksten betroffen, insbesondere durch Staudämme, Kanalisierung und Eingriffe in den Sedimenttransport (Kies und Sand)

  • Seit 2012 haben aufgestaute Flussabschnitte um 18 Prozent zugenommen (von 2.224 auf 2.626 Flusskilometer).

  • Kleinere Quellgewässer sind in der Regel besser erhalten, doch auch sie stehen zunehmend unter Druck.

  • Der Ausbau der Wasserkraft bleibt der Hauptgrund für die Verschlechterung, gefolgt von Wasserentnahmen, Kies- und Sandabbau und Infrastrukturprojekten. 

  • Durch Naturschutzmaßnahmen konnten rund 900 Flusskilometer geschützt werden, vor allem durch das Verhindern von Wasserkraftprojekten.

Von den größeren der untersuchten Flüsse sind nur noch 23 Prozent naturnah, 43 Prozent zeigen leichte Veränderungen. Moderat bis stark veränderte Flüsse machen 27 Prozent aus und vor allem durch Stauungen stark veränderte Abschnitte betreffen sieben Prozent. Die größten Veränderungen wurden in den Einzugsgebieten von Drina, Neretva, Vardar/Axios, Devoll und Drin festgestellt. Auch wenn dieser Rückgang alarmierend ist, bleibt der Anteil der nahezu natürlichen und leicht veränderten Flüsse deutlich höher als im übrigen Europa, was die einzigartige Stellung des Balkans als letztes großes Kerngebiet mit unberührten Flüssen auf dem Kontinent verdeutlicht.

„Die langfristigen Trends, die in dieser Studie dokumentiert sind, zeigen einen klaren Rückgang naturnaher Flussabschnitte auf dem Balkan, vor allem durch Stauungen und großflächige Flussveränderungen. Während die Region weiterhin einen vergleichsweisen hohen Anteil intakter Flüsse aufweist, weisen diese Trends auf eine wachsende Diskrepanz zwischen aktuellen Entwicklungspraktiken und den im Rahmen einer EU-Mitgliedschaft geforderten Umweltstandards sowie Prinzipien einer nachhaltigen Flussnutzung hin,“ erklärt Dr. Ulrich Schwarz, von Fluvius Wien, Autor der Studie.


Albanien: Größter Verlust an natürlichen Flussabschnitten auf dem Balkan

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass kein anderes Balkanland in den letzten zehn Jahren so viele naturnahe oder leicht veränderte Flussabschnitte verloren hat wie Albanien. Der Ausbau von Wasserkraft, unkontrollierte Flussregulierungen, Wasserentnahme und weitreichende Veränderungen von Auenlandschaften haben Albaniens Flusslandschaften in nie dagewesenem Tempo umgestaltet.

„Während Albanien die Vjosa und einige ihrer Zuflüsse erfolgreich geschützt hat, wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr Flussabschnitte zerstört als in jedem anderen Balkanland. Diese Zerstörungswelle muss gestoppt werden. Die Ergebnisse sollten die albanische Regierung endlich dazu bewegen, Flüsse im ganzen Land zu schützen und nicht nur in einem Einzugsgebiet. Dies ist auch im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen ein wichtiger Punkt,“ fordert Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von Riverwatch.


Erfolge im Naturschutz geben Hoffnung

Der Bericht hebt hervor, dass rund 900 Kilometer Flüsse durch Naturschutzmaßnahmen geschützt wurden – unter anderem durch den Stopp von Wasserkraftprojekten, neue Schutzgebiete und ein Verbot kleiner Wasserkraftwerke. Die Ausweisung des Vjosa-Wildflussnationalparks bleibt der wichtigste Erfolg für den Naturschutz in der Region.

Aufruf zu systematischem Schutz

Auf Grundlage der Ergebnisse fordern wir sofortiges und koordiniertes Handeln:

  • Stärkung nationaler und EU-weiter Schutzmaßnahmen: Verbleibende intakte Flüsse müssen durch nationale und internationale Gesetze erhalten, Schutzgebiete erweitert und konsequent umgesetzt werden.

  • Stopp von zerstörerischen Wasserkraftprojekten: Besonders in Albanien sowie in Bosnien-Herzegowina, wo die Flussverschlechterung am schnellsten voranschreitet.

  • Einführung eines systematischen Monitorings: Als Voraussetzung für den EU-Beitritt müssen alle Balkanländer vereinheitlichte hydromorphologische Bewertungen durchführen.

  • Renaturierung geschädigter Flüsse: Dazu gehören die Entfernung von Barrieren, die Wiederverbindung von Auenlandschaften, eine Reduzierung von Kies- und Sandentnahme aus dem Flussbett und naturbasierte Renaturierungsmaßnahmen.

  • Priorisierung von Natur- und Klimafolgenresilienz: Weg von infrastrukturlastigen Flussregulierungen hin zu einem ökosystembasierten Hochwasser- und Dürremanagement.

„Während die Flüsse der Region weiterhin ihren natürlichen Charakter verlieren, schließt sich das Fenster für wirksamen Schutz schnell,“ sagt Annette Spangenberg, Programmleiterin Fließgewässer bei EuroNatur. „Der Balkan beherbergt noch einige der letzten Wildflüsse Europas, aber ihr Schutz erfordert jetzt politischen Mut, wissenschaftlich fundierte Entscheidungen und einen klaren Kurswechsel weg von zerstörerischen Praktiken. Die Daten zeigen, was verloren geht und verloren gehen wird, wenn wir nicht handeln,“ führt Spangenberg weiter aus.


Hintergrundinformationen:
• Die von EuroNatur und Riverwatch koordinierte Kampagne Save the Blue Heart of Europe hat zum Ziel, Flüsse von hohem ökologischem Wert auf dem Balkan zu schützen. Diese sind durch über 3.000 Wasserkraftprojekte bedroht. Die Kampagne wird gemeinsam mit Partnerorganisationen in den Balkanländern umgesetzt und u.a. von der Manfred-Hermsen-Stiftung unterstützt.
• Zitierung des Berichtes: Schwarz, U., 2025. The State of Balkan Rivers 2025: Hydromorphological Assessment and 13-Year Trends. EuroNatur & Riverwatch, Radolfzell/Vienna, 64 pp.

Pressekontakt:
Christian Stielow, EuroNatur, christian.stielow(at)euronatur.org, +49 (0)7732 927215
• Ulrich Eichelmann, Riverwatch, ulrich.eichelmann(at)riverwatch.eu, +43 676 6621512 

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