Wasserkraftausbau in Bosnien-Herzegowina im Schutz der Ausgangssperre

++ Naturzerstörung in Zeiten der Pandemie nimmt zu ++ Investoren nutzen Coronakrise für illegalen Bau von Wasserkraftwerken ++ Einzigartige Flüsse auf dem Balkan in Gefahr ++

Bauarbeiten an der Mala Bjelava

© Robert Oroz

Bauarbeiten an der Vrhovinska

© Robert Oroz

Banja Luka, Sarajevo, Vienna, Radolfzell. Die Coronakrise ist für das Blaue Herz Europas – die einzigartigen Balkanflüsse - eine Bedrohung. Während es in Europa Ausgangsbegrenzungen gibt, nutzen Investoren immer häufiger die Ausnahmesituation, um umstrittene Wasserkraftprojekte unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu bauen. Dies trifft besonders auf Flüsse in Bosnien-Herzegowina zu. Südlich der Hauptstadt Sarajevo wurde nun der Bau von fünf Dämmen begonnen bzw. vorangetrieben, zum Teil ohne Genehmigungen.

Konkret geht es um Baustellen an den Flüssen Bjelava (Videoaufnahmen der Baustelle: 1, 2 und 3), Mala Bjelava, Vrhovinska, Željeznica und Prača (Standorte sind auf dieser Karte zu finden). Alle diese Flüsse sind fast unberührt und von einer außergewöhnlichen Schönheit. Der Bau des Kraftwerks an der Vrhovinska ist nach unserem Wissen illegal, da keinerlei Genehmigungen für den Bau vorliegen. Zudem finden die Bauarbeiten an allen Projekten ohne die gesetzlich vorgeschriebene Bauaufsicht statt, weil die dazu notwendigen Inspektoren wegen der Covid-19 Pandemie nicht auf der Baustelle anwesend sind.

„Hier finden Umweltverbrechen im Schatten der Pandemie statt. Die Investoren nutzen die Chance, ohne lästige Kontrolle sowie Protesten von Anwohnern oder Umweltorganisationen bauliche Tatsachen zu schaffen. Es geht hier auch nicht um irgendwelche Bäche und Flüsse, sondern um einzigartige und bislang weitgehend unberührte Fließgewässer“, so Ulrich Eichelmann, Koordinator der Save the Blue Heart of Europe-Kampagne bei Riverwatch.

Die „Coalition for the Protection of Rivers in Bosnia-Herzegovina” und die Save the Blue Heart of Europe-Kampagne fordern die Premierminister und Präsidenten von Bosnien-Herzegowina auf, die Dammbauarbeiten zu stoppen und dringend ein Moratorium über den Bau von Kleinwasserkraftwerken und die Erteilung neuer Konzessionen zu verhängen.

„Der Ausnahmezustand sollte keine Entschuldigung für die Ausbeutung öffentlicher Ressourcen sein, sondern Anlass für Solidarität und einen vernünftigen Umgang mit unseren Ressourcen“, sagt Redžib Skomorac von der NGO Center for Environment.

“Wir fordern eine rigorose Prävention und strengere Strafen, um ungerechtfertigte Bereicherung, kriminelles Verhalten und Wucher-Opportunismus zu verhindern. Es muss sichergestellt sein, dass die zuständigen Behörden die gesetzlichen, verfassungsmäßigen und moralischen Grundsätze einhalten”, ergänzt Anes Podić von der NGO Eko Akcija.

„Wir sehen ähnliches Vorgehen an vielen Orten in Europa: aus Rumänien erreichen uns Berichte, dass der ohnehin schon massive illegale Holzeinschlag noch weiter zunimmt, vom Balkan, dass noch mehr geschützte Vögel vom Himmel geschossen werden. Skrupellos werden die Schlupflöcher genutzt, die diese Pandemie jenen bietet, die sich auf Kosten der Natur bereichern wollen“, sagt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der Stiftung EuroNatur.

++ Update (29. April 2020) ++
Trotz Versammlungsverbot und Ausgangssperre blockierten am Mittwoch, 29. April Anwohner und Umweltaktivisten die Bauarbeiten an den Flüssen Bjelava und Mala Bjelava. Etwa zwei Dutzend Personen hinderten die Arbeiter am frühen Morgen daran, die Baustellen zu erreichen. Diese zogen daraufhin unverrichteter Dinge wieder ab.
Am Fluss Prača zeichnet sich ebenfalls eine positive Wende ab: Der Bürgermeister der angrenzenden Ortschaft Pale Bosko verkündete, den Bau des geplanten Kraftwerks verhindern zu wollen. Proteste und die große mediale Aufmerksamkeit haben ihre Wirkung entfaltet.


Hintergrundinformationen:
Die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ will die wertvollsten Flüsse der Balkanhalbinsel vor einem Damm-Tsunami aus ca. 3000 geplanten Projekten bewahren. Die Kampagne wird von den NGOs Riverwatch und EuroNatur koordiniert und gemeinsam mit Partnerorganisationen in den Balkanländern umgesetzt. Unsere Partnerorganisation in Bosnien-Herzegowina ist das Center for Environment.

Videomaterial:
erstes Video © Robert Oroz
zweites Video © Robert Oroz
drittes Video © Miloš Vujičić

Kontaktinformationen:
Anja Arning, EuroNatur, anja.arning(at)euronatur.org +49 (0)7732 – 927213
Ulrich Eichelmann, Riverwatch, ulrich.eichelmann(at)riverwatch.eu +43 676 6621512
Anes Podić, anes(at)ekoakcija.org +387 (0) 62 293 763
Redžib Skomorac, redzib.skomorac(at)czzs.org +387 (0) 61 622 085

 

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