Offener Brief: Keine Abholzung im Nationalpark Prokletije!

Über 15 Umwelt- und Naturschutzorganisationen sowie Expertinnen für Primärwälder aus sieben Ländern haben einen offenen Brief an die montenegrinischen Behörden unterzeichnet, in dem sie dazu auffordern, sämtliche geplante Holzeinschlagsaktivitäten im Nationalpark Prokletije mit sofortiger Wirkung zu unterlassen. Solche Eingriffe gefährden eines der letzten verbliebenen Urwaldökosysteme Europas und untergraben Montenegros internationale Naturschutzverpflichtungen.

naturnaher Wald in Montenegro

Am 19. Juni 2026 beobachten der Urwald-Experte Dr. Martin Mikoláš, der CZIP-Forstfachmann Bojan Zeković und Siegmund Missall von EuroNatur den Zustand des Fichtenabsterbens und der Verjüngung im montenegrinischen Nationalpark Prokletije. Sie sprechen über die Schäden, die eine geplante Holzgewinnung dort verursachen würde.

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junger Nadelbaum wächst auf totem Baumstumpf

Der vollständige Kreislauf des Lebens lässt sich nur in naturnahen Wäldern umfänglich beobachten; hier wächst eine junge Fichte auf einem alten Fichtenstumpf.

© Cornelia Mähr

Am 26. Juni hat die Regierung Montenegros einen bedeutenden Schritt für den Naturschutz im Land gemacht: Sie verabschiedete den Entwurf eines landesweiten vorbildlichen Natura 2000-Netzwerks. Solche Ankündigungen sind allerdings von zweifelhaftem Wert, wenn sie in der Praxis keine Entsprechung finden. Der geplante Holzeinschlag in einer Kernzone eines Nationalparks konterkariert die Ankündigung vom 26. Juni beträchtlich. Der Nationalpark Prokletije zählt zu den ökologisch wertvollsten und unversehrtesten Gebirgsregionen Europas. Als Teil des Dinarischen Biodiversitäts-Hotspots schützt er unersetzliche Waldlebensräume, Wildtiere, Wasserressourcen und natürliche Klimapuffer. Totholz ist häufig Ziel sogenannter „Sanitärhiebe und Schadholzernte“ (Käferholzaufarbeitung), wenngleich es eine wesentliche Schlüsselstruktur im Waldökosystem darstellt, die Pilzen, Insekten, Vögeln und Säugetieren Lebensraum bietet. Seine Entfernung, die entweder darauf abzielt, die Ausbreitung des Borkenkäfers zu verhindern oder das Holz zu verwerten, stört die natürlichen Prozesse im Wald erheblich.

Jegliche forstlichen Eingriffe verletzen die IUCN-Standards für Nationalparks und widersprechen Montenegros Verpflichtungen im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt sowie europäischer Naturschutzinitiativen. In einem offenen Brief fordern die unterzeichnenden Organisationen, darunter EuroNatur und zahlreiche Partnerorganisationen, daher einen sofortigen Stopp aller geplanten Sanitärhiebe und Schadholzernten im Nationalpark Prokletije, insbesondere in den Kerngebieten und den umliegenden Wäldern.

„Der Borkenkäferbefall im Nationalpark Prokletije ist ein natürlicher Bestandteil des Kreislaufs von Leben, Tod und Erneuerung in den Wäldern. Wir sollten ihn mit Ehrfurcht beobachten, anstatt einzugreifen. Das Abholzen unter dem Deckmantel von Käferholzaufarbeitung gleicht einem Raubzug, bei dem dem Wald die Biomasse entzogen wird, die er für die Ansammlung von Totholz benötigt. Letzteres ist einer der wichtigsten Faktoren für die Artenvielfalt in natürlichen Wäldern“, sagt Siegmund Missall, Programmleiter Waldschutz bei EuroNatur.

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