„Im Geschäft, um unseren Planeten zu retten“

Seit Jahren nutzt das Outdoor-Unternehmen Patagonia seine Bekanntheit, um Aufmerksamkeit für Umweltthemen zu schaffen und wichtige Türen zu öffnen. Im Interview spricht Patagonia-Geschäftsführer Ryan Gellert über die Verantwortung von Unternehmen und wie sehr ihn eine Nacht an den Ufern der Vjosa berührt hat.

© Gernot Kunz
Patagonia-Chef Ryan Gellert

Am Ufer der Vjosa zu übernachten, war für Ryan Gellert ein einschneidendes Erlebnis. Das Engagement für den Schutz dieses einzigartigen Flusses hat er zur Chefsache gemacht. Es liegt ihm persönlich am Herzen, dass der Nationalpark kein Papiertiger wird.

© Liz Seabrook, Patagonia Images
Wildfluss Albanien

Der Fluss als Landschaftsgestalter: Im Mittellauf präsentiert sich die Vjosa besonders majestätisch und schlängelt sich teilweise in einem Flussbett, das über zwei Kilometer breit ist.

© Gabriel Singer

Im Juni hat die albanische Regierung offiziell ihre Absicht erklärt, einen Vjosa-Wildflussnationalpark auszuweisen. EuroNatur, EcoAlbania, Riverwatch und viele andere haben darauf lange hingearbeitet. Auch Patagonia hat sich hier sehr engagiert. Was bedeutet der aktuelle Erfolg für den Schutz der Vjosa, und darüber hinaus?

Zum besseren Verständnis: Patagonia unterstützt die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ seit sieben Jahren, das heißt, wir sind nach den Aktivisten und NGOs wie EuroNatur, RiverWatch und EcoAlbania dazu gekommen. Unsere Rolle ist es, das Engagement dieser Organisationen zu unterstützen. Zusätzlich zu finanzieller und technischer Unterstützung bedeutet das unter anderem Kampagnenarbeit zu machen, Filme zu produzieren und Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen. Während dieser Zusammenarbeit haben wir mehr und mehr begriffen, wie außergewöhnlich die Vjosa und ihre Zuflüsse sind. Gleichzeitig haben wir wahrgenommen, welch große Bedrohung vor allem Wasserkraftwerke für sie darstellen.

An der Vjosa soll der erste Wildfluss-Nationalpark Europas entstehen. Die Absichtserklärung der albanischen Regierung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Flüsse europa- und weltweit unter Druck stehen. Die Vjosa und ihre frei fließenden Nebenflüsse gemäß den Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN als Schutzgebiet der Kategorie II dauerhaft zu schützen, ist ein riesiger Schritt, dieses empfindliche und einzigartige Ökosystem zu erhalten. Zudem sehe ich ein großes Potenzial für ähnliche Naturschutzinitiativen, da nun ein Rahmen geschaffen wird, der Regierungsvertreter, Zivilgesellschaft und private Unternehmen einbezieht.  

Immer mehr Menschen wollen intakte, unberührte Natur erleben. Europas erster Wildfluss-Nationalpark dürfte viele Besucherinnen und Besucher anziehen. Bedeutet das eine weitere Gefahr für das Ökosystem Vjosa?

Sie sprechen eine der großen Herausforderungen des Naturschutzes an: Wie können Gebiete intakt bleiben und gleichzeitig auf intelligente Weise zugänglich gemacht werden? Ich bin fest davon überzeugt, dass der Gedanke, der hinter der Einrichtung von Nationalparks steht, eine der großartigsten Ideen der Menschheit ist. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir einen klaren, ausreichend hohen Standard haben und anwenden - im Fall des Vjosa-Nationalparks sind das die strengen Kriterien der IUCN-Kategorie II. Außerdem müssen wir alles daransetzen, einen sanften Tourismus mit dem Schutz der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt im Nationalpark unter einen Hut zu bekommen. Gleichzeitig muss das alles mit den Bedürfnissen der umliegenden Gemeinden ausbalanciert werden. Zum Glück gibt es einige großartige internationale Vorbilder, an denen wir uns orientieren können.  

Im Naturschutz, im Umweltschutz und auch im sozialen Bereich gibt es so viele Baustellen. Warum engagiert sich Patagonia ausgerechnet so stark für die Balkanflüsse?

Ja, wir engagieren uns sehr in dieser Initiative. Gleichzeitig unterstützen wir aber jährlich weit über 1.000 Graswurzelbewegungen auf der ganzen Welt und wir führen Kampagnen zu Themen durch, die unserer Meinung nach für die Rettung unseres Heimatplaneten entscheidend sind. Wir bieten finanzielle Unterstützung, bauen Kapazitäten auf und betreiben eine Website namens Patagonia Action Works. Damit helfen wir, Einzelpersonen mit NGOs in Kontakt zu bringen, damit sie diese auf verschiedene Weise unterstützen können, unter anderem durch qualifizierte Angebote von Freiwilligenarbeit.  

Dass der Vjosa-Nationalpark Wirklichkeit wird, ist mir ein persönliches Anliegen. Ich habe Albanien mehrmals besucht und dort wunderbare Menschen kennengelernt, deren Leben, Kultur und Geschichte von einer gesunden, frei fließenden Vjosa abhängen.  Meine erste Nacht in Albanien verbrachte ich vor Jahren an den Ufern der Vjosa, um am nächsten Tag in ihren Gewässern zu raften und zu schwimmen.

  • Patagonia und die Balkanflüsse

    Das im Jahr 1973 von Yvon Chouinard gegründete Outdoor-Unternehmen mit Sitz in Kalifornien ist international für sein Engagement für den Umweltschutz bekannt. Seit mehreren Jahren unterstützt Patagonia EuroNatur, Riverwatch und unsere Partnerorganisationen auf dem Balkan bei der Kampagne zur Rettung der Balkanflüsse. Unter anderem erzeugte Patagonia mit dem Film „Blue Heart“ und einer damit verknüpften Multimedia-Kampagne weltweite Aufmerksamkeit für das Thema. Die internationale Petition „Kein Geld. Keine Staudämme“ erhielt bis zur Übergabe an die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 120.000 Unterschriften. Auf einer eigenen Webseite unter https://blueheart.patagonia.com/intl/de/ erklärt Patagonia, warum Wasserkraftwerke nicht umweltfreundlich sind und deshalb auch nicht zu den erneuerbaren Energien gehören.

Als wir 2018 zum ersten Mal den Film „Blue Heart“ vorstellten, trafen wir in ganz Europa viele Menschen, die dachten, Wasserkraft sei „saubere, grüne“ Energie - was so gar nicht der Wahrheit entspricht. Wasserkraft ist eine „grüne“ Energiequelle, die Biodiversität vernichtet und dazu führt, dass Dorfgemeinschaften in großem Stil umgesiedelt werden. 

Wir wissen aus Erfahrung, dass Transformationsprozesse Zeit brauchen, und das bedeutet, dass wir uns manchmal über Jahre hinweg engagieren müssen.

Ryan Gellert, Patagonia-Chef

Patagonia gilt als vorbildlich, was das Engagement für Naturschutz und soziale Belange angeht. Sie scheuen sich auch nicht, politisch Stellung zu beziehen. Dennoch dürften manche unserer Leserinnen und Leser es kritisch sehen, dass EuroNatur mit einem weltweit führenden Wirtschaftsunternehmen zusammenarbeitet. Wie stellen Sie sicher, dass der Aktivismus, den Patagonia betreibt, nicht nur Marketing ist?

Ich denke, die Menschen sind zu Recht misstrauisch gegenüber dem, was Unternehmen und ihre Führungskräfte von sich behaupten. Unseres eingeschlossen. Ich rate allen, sich über einen längeren Zeitraum anzusehen wie ein Unternehmen tatsächlich arbeitet und nicht nur darauf zu achten, was in der Werbung oder PR gesagt wird.  Unser Leitbild bei Patagonia lautet „Im Geschäft, um unseren Heimatplaneten zu retten“.  Das ist die Basis für all unsere strategischen Entscheidungen. Deshalb haben wir Mitte der 80er Jahre damit begonnen, uns selbst mit einer Umweltsteuer zu belegen. Seither spenden wir dieses Geld an gemeinnützige Organisationen, die an vorderster Front gegen die Umweltkrise kämpfen; deshalb haben wir Mitte der 90er Jahre Pionierarbeit geleistet und in unserer gesamten Produktlinie Bio-Baumwolle verwendet. Im Jahr 2011 wurden wir das erste Benefit Corporation [Anm. Red.: in vielen Bundesstaaten der USA eingeführte Unternehmensform, mit der Gemeinwohl und privatwirtschaftlicher Nutzen besser vereinbar gemacht werden sollen] in Kalifornien.

Die Probleme, die wir als Menschheit erzeugt haben, sind so groß, so komplex und so miteinander verwoben! Um sie zu lösen, müssen Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen an einem Strang ziehen.

Ryan Gellert, Patagonia-Chef

Greenwashing von Unternehmen ist nicht nur unaufrichtig, sondern verwirrt die Menschen oft absichtlich, was noch schlimmer ist. Und was das Marketing betrifft, so fordern wir von Partnern oder Organisationen, die wir fördern, niemals eine Gegenleistung für unsere finanzielle Unterstützung. Wir hören oft, wie selten das ist. Zum Beispiel verlangen wir nicht, unsere Unterstützung öffentlich zu kommunizieren, es sei denn, es ist für die gemeinnützige Arbeit von Vorteil.

Was treibt Sie persönlich an, das Leitbild von Patagonia umzusetzen?

Ich liebe es, draußen zu sein – ob zum Klettern, Mountainbike fahren, im Meer oder im Schnee. Und als jemand, der das Glück hatte, so viel Zeit in der Natur zu verbringen - jetzt oft mit meinen beiden kleinen Kindern - kann ich nicht ignorieren, was auf dem Spiel steht.  Ich mache mir Sorgen, weil die Welt, die wir den nächsten Generationen vererben, viel stärker gefährdet sein wird als die, in der ich aufgewachsen bin. Außerdem inspirieren mich Menschen, die sich für den Schutz der Natur einsetzen, und sie geben mir Energie. Es sind fast ausnahmslos Menschen, die scharfsinnig sind, sich als Teil der Natur betrachten und nicht als von ihr getrennt, und die ihre Arbeit und ihr Leben mit einer gewissen Selbstlosigkeit gestalten.

Vjosa wird Nationalpark

Der albanische Premierminister Edi Rama, die Ministerin für Tourismus und Umwelt, Mirela Kumbaro, der Geschäftsführer von Patagonia, Ryan Gellert, und die US-Botschafterin in Albanien, Yuri Kim (v.l.n.r.), haben im Juni eine gemeinsame Absicht erklärt: Die Vjosa soll unter strengen Schutz gestellt werden!

© Nick St. Oegger

Wir leben in Zeiten eines ökologischen Notstands. Haben Sie vor diesem Hintergrund eine Botschaft für andere große Unternehmen?

Beleuchten Sie Ihre Lieferkette, denn was hier passiert, hat unweigerlich die größten Auswirkungen! Verpflichten Sie sich zu Transparenz und Konsistenz in Ihren Worten und Handlungen gegenüber Mitarbeitenden, Kundinnen, Kunden und Führungsgremien. Handeln Sie jetzt.  Die Tage des "business as usual" und der Maximierung des Aktionärsvermögens sind vorbei. Wir erleben die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels in einer noch nie dagewesenen Häufigkeit in allen Teilen der Welt. Jedes Unternehmen hat die Verantwortung, sich an der Rettung unseres Heimatplaneten zu beteiligen. Verringern Sie Ihre negativen Auswirkungen, stellen Sie Ihren Partnern Fragen - von Banken und Rentenversicherungen bis hin zu denen, mit denen Sie werben - und befähigen Sie Ihre Mitarbeiter, durch ihre Arbeit etwas zu verändern.  Es wird nicht leicht sein, aber uns läuft die Zeit davon.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Katharina Grund

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