„Ländliche Gemeinschaften haben ein tiefes Wissen über die Natur“

In einer Welt, in der Natur- und Umweltschutz mehr denn je gefragt sind, spielen Frauen eine Schlüsselrolle. In dieser Artikelserie machen wir Frauen sichtbar, die mit Leidenschaft, Mut und Vision positive Veränderungen bewirken und wesentlich zum Schutz von Europas Natur beitragen.

Warum für Frosina Pandurska-Dramikjanin Naturschutz immer bei den Menschen beginnt

Frosina Pandurska vor dem Dorf
© Silvana Mielke | EuroNatur

Du hast großen Anteil daran, dass seit 2021 auch die nordmazedonische Seite des Gebirgszugs Shar-Korab-Korritnik unter Schutz steht. Ist das eine Erfolgsgeschichte?
Ja, durchaus. Tatsächlich ist der Shar-Nationalpark ein schönes Beispiel dafür, wie die Lokalbevölkerung und viele Interessensgruppen in den Prozess der Ausweisung einbezogen wurden. Heute gibt es eine Nationalparkbehörde, klare Regeln und auch Ranger, die dafür sorgen, dass die Vorschriften befolgt werden. Dadurch hat sich vieles zum Guten verändert, vor allem die illegalen Aktivitäten in dem Gebiet haben abgenommen. Vor der Ausweisung als Schutzgebiet gab es massive Abholzungen und überall wurde illegal gebaut. Heute braucht jedes Projekt die Genehmigung der Nationalparkbehörde. Dennoch muss sich die Institution deutlich weiterentwickeln, um auf Dauer etwas bewirken zu können. Vor allem braucht der Nationalpark finanzielle Stabilität, um sichere Arbeitsplätze für die Parkangestellten gewährleisten und ein echtes Vorzeigebeispiel für die Region werden zu können.
 

  • Mehr über Frosina Pandurska-Dramikjanin

    Frosina Pandurska-Dramikjanin ist Sozialwissenschaftlerin, Kommunikationsprofi und seit mehr als 15 Jahren in Nordmazedonien für den Naturschutz aktiv. Damals noch als Projektkoordinatorin bei der EuroNatur-Partnerorganisation Macedonian Ecological Society war sie eine der treibenden Kräfte hinter der Ausweisung des Shar-Nationalparks und hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, die lokale Bevölkerung in den Prozess einzubeziehen. Frauen in ländlichen Gemeinschaften stärken, altes Wissen wiederbeleben und Tradition mit Innovation verbinden sind für Frosina vielversprechende Ansätze, um Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden. 

Ein Hirte mit seiner Schafherde vor der atemberaubenden Kulisse des Shar Gebirges.

Schäfer im Shar-Gebirge

© Jovan Bozinoski

Du warst eine der tragenden Akteurinnen auf dem Weg zur Nationalpark-Ausweisung. Was hat dich diese Zeit gelehrt? Gab es Momente, die dich persönlich verändert haben?

Vor allem die Jahre unmittelbar vor der Schutzgebietsausweisung waren sehr hart. Ich stand damals als Pro Nationalpark-Sprecherin an vorderster Front. Auf den letzten Metern wurden wir plötzlich als Feinde angesehen und der Druck seitens einiger Interessengruppen war groß – vor allem, als wir am Ende gemeinsam mit dem Ministerium auftraten, denn staatliche Institutionen werden hierzulande generell als Gegner wahrgenommen. Die Leute realisierten: der Nationalpark kommt wirklich. In dieser Phase gab es einige unangenehme Situationen, unter anderem mit Jägern, die den Nationalpark verhindern wollten. All die Jahre zuvor hatte ich mich vollkommen mit meiner Aufgabe als Aktivistin identifiziert. Dann wurde mir schlagartig klar, dass es zwar schön ist, sich leidenschaftlich für eine Sache zu engagieren, dass es aber gefährlich ist, seine komplette Identität davon abhängig zu machen. Das zu erkennen, war für mich zunächst ein Schock. Vielleicht war es aber auch der Moment, in dem ich verstanden habe, dass sich Dinge nicht erzwingen lassen, sondern dass Prozesse ihre ganz eigene Zeit brauchen und alles zu seiner Zeit geschieht, ganz egal, wie viel Geld, Aufmerksamkeit und Energie du bereits investiert hast. Mein Arbeitsverständnis hat sich seither grundlegend verändert. Bis dato hatte ich die klassische Projektmanagement-Einstellung von wegen, mit Maßnahme X erreiche ich Ziel Y, und ich habe stark gepusht.   
 

Anita zeigt Frosina ihre typischen Strickwaren aus dem Shar-Gebirge.

Anita Maloska hat das Handwerk des Strickens von ihrer Mutter und Großmutter gelernt. Ihre Wollprodukte verziert sie mit traditionellen Mustern, die für die Region typisch sind. Frosina bestärkt Anita darin, dass sie hiermit etwas Kostbares und Besonderes kreiert, mit dem sich ein zusätzliches Einkommen generieren lässt. Die Wolle stammt von Schafen aus dem Shar-Gebirge.

© EuroNatur | Silvana Mielke

Welche Haltung ist dir heute wichtig?

Wirklich zu verstehen, wie die Lokalbevölkerung tickt, was die Menschen bewegt und was sie brauchen. Das ist etwas anderes als sie nur einzubeziehen, um am Ende ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, wie etwa die Ausweisung eines Nationalparks. Im Rahmen von BESTbelt habe ich intensiv mit Frauen in der Region Debar gearbeitet. Wir haben die Frauen nicht mit bestimmten Erwartungen unter Druck gesetzt, sondern sie lediglich begleitet. Unsere erste Frage war: Was ist deine Leidenschaft? Produziere das, was du am besten kannst! In dieser Freiheit lagen die Schönheit und die Kraft dieses Projekts. Die Frauen waren begeistert, denn sie wurden finanziell bei dem unterstützt, was sie ohnehin machen - ob handgezogene Nudeln, Wollpullover mit traditionellen Mustern oder Menüs aus regionalen Gerichten. Wir haben ihnen geholfen, ihre Produkte sichtbar zu machen und unter einem gemeinsamen Label zu vermarkten und dabei bewusst auch Produkte ausgewählt, die mit lokaltypischen Pflanzenarten verbunden sind. Zum Beispiel haben Frauen aus der Gemeinde Centar Župa für uns ein altes Rezept für Sirup aus schwarzen Maulbeeren wieder ausgegraben, der als natürlicher Süßstoff verwendet werden kann. Das Wissen existiert, es wurde nur nie wertgeschätzt. In der Stadt kennt das Rezept für Maulbeersirup niemand mehr. Die Früchte fallen dort unbeachtet von den Bäumen. Dabei sind sie unglaublich süß, da brauchst du keinen Industriezucker. Ländliche Gemeinschaften leben in enger Verbindung zur Natur und haben ein riesiges Wissen. Indem wir Produkte aus der Region fördern, unterstützen wir nicht nur die Frauen, sondern halten auch Kenntnisse über lokaltypische Pflanzenarten und ihre Nutzung lebendig. Das ist ein Reichtum, den wir in den Städten verloren haben. 

„Wir haben die Frauen nicht mit bestimmten Erwartungen unter Druck gesetzt. Die Ideen kamen aus ihnen selbst und genau darin lag die Schönheit des Projektes.“

Frosina Pandurska-Dramikjanin vor einer Trockensteinmauer
Frosina Pandurska-Dramikjanin
Eine Frau präsentiert einen Teller mit traditionellen Nudeln aus dem Shar-Gebirge.

Sibela Rustemoska ist stolz auf ihre handgezogenen Nudeln. Sie ist eine der Frauen aus der Region Debar, die durch die Arbeit mit Frosina neues Selbstvertrauen gewonnen haben.

© Silvana Mielke | EuroNatur

Ihr habt mit den Frauen Business-Pläne zur Vermarktung regionaler Produkte erarbeitet. Das war in dieser patriarchal geprägten Region sicher kein einfaches Terrain….

Es wurde tatsächlich deutlich wie traditionell verhaftet die Rollenbilder in der Region Debar noch sind. Die soziale Rolle der Frau besteht nicht darin, ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein, sondern die Hauptaufgabe ist es, sich um die Familie zu kümmern. Wir konnten nicht erwarten, dass die Männer auf einmal mit der Idee einverstanden sind, dass ihre Frauen anfangen, eigene Produkte zu verkaufen. Wir mussten sehr sensibel vorgehen, um die Frauen nicht mit zu hohen Erwartungen unter Druck zu setzen. Schon der Begriff „Business“ hat viele verunsichert. In den ländlichen Gebieten fehlen in dieser Hinsicht die weiblichen Vorbilder, vor allem in Dörfern, die nahezu von der Außenwelt abgeschnitten sind.  Wir mussten erklären, dass es nicht darum geht, Unternehmerin zu werden, sondern um ein zusätzliches Einkommen, um die Wertschätzung ihrer Arbeit und auch darum, Anreize für die jüngere Generation zu schaffen, in der Region zu bleiben. 

naturnahe Beweidung auf dem Balkan

Die Tradition der Wanderschäferei war im Shar-Gebirge einst allgegenwärtig. Mit ihrem Rückgang geht wertvolles Wissen über ökologische Zusammenhänge verloren.

© Jovan Bozinoski

Du stellst festgefahrene Sichtweisen in Frage und legst gleichzeitig großen Wert darauf, Traditionen zu bewahren. Ist das ein Widerspruch?

Nein, aus meiner Sicht überhaupt nicht. In vielen Traditionen liegt ein unglaublicher Wissensschatz, aber sie müssen ins Heute übertragen werden. Das beste Beispiel ist die Wanderschäferei. Für mich ist sie eine der ursprünglichsten Formen unseres Zusammenlebens mit der Natur – lange bevor es um Profit ging. Schäferinnen und Schäfer haben ein enormes Wissen über die Ökosysteme. Als Sozialwissenschaftlerin habe ich mich schon in meiner Masterarbeit mit dem Thema befasst und ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass in der Transhumanz Antworten auf viele aktuelle Fragen liegen. Doch die traditionelle Wanderschäferei ist wie ein Dinosaurier, der sich nicht weiterentwickelt. Verständlicherweise sind die wenigsten jungen Menschen heute noch bereit, diese harte Arbeit zu machen, 16 Stunden allein auf dem Berg zu verbringen – ohne Internet, ohne Strom. Das Schäferhandwerk muss sich an die modernen Gegebenheiten anpassen, um überleben zu können, und das bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung. Dabei gilt es auch zu überlegen, wie wir Wolle als vergessene Ressource wieder nutzen können. 

Worin liegt deine Hoffnung, dass wir uns als Menschheit in eine positive Richtung weiterentwickeln?

Ich halte es für überlebenswichtig, dass wir anfangen, interdisziplinär zu denken und zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel sollten sich Naturschützerinnen und Naturschützer den Ideen junger Unternehmerinnen und Unternehmer öffnen, mehr mit sozialen Organisationen kooperieren, bereit sein, eine gemeinsame Sprache zu finden und voneinander zu lernen. Die junge Generation ist unglaublich inspirierend und risikobereit. Ich sehe so viele junge Menschen mit Start-ups, mit mutigen Ideen. Mit ihnen müssen wir uns verbünden, wenn wir wirkliche Veränderung anstoßen wollen. Viele junge Menschen arbeiten bereits an innovativen Lösungen und haben ein ganz anderes Bewusstsein für den Umweltschutz als wir früher. Das gibt mir Hoffnung. 

Das Dorf Janče in Nordmazedonien.

Neue Perspektiven gesucht! Wie viele Dörfer im bergigen Westen Nodmazedoniens ist auch Janče stark von Abwanderung betroffen.

© EuroNatur | Silvana Mielke

Du selbst denkst eher unkonventionell und fernab ausgetretener Bahnen. Hast du dafür ein unterstützendes Umfeld?

Ja, durch meine Arbeit habe ich ein großes Netzwerk aufgebaut und viele Möglichkeiten, meine Ideen mit anderen Menschen aus den verschiedensten Bereichen zu teilen und zu reflektieren. Das hilft mir, das große Bild zu sehen. Ich liebe es, Menschen miteinander zu vernetzen, damit neue Projekte entstehen können. Ganz besonders liegt es mir am Herzen, weiterhin Frauen in ländlichen Gebieten zu stärken und zu unterstützen. Seit Kurzem bin ich Mentorin für ein Netzwerk ländlicher Frauen in Serbien und würde etwas Ähnliches gerne auch in Nordmazedonien aufziehen. Die Frauen helfen sich gegenseitig, Projekt- oder Produktideen zu entwickeln und unterstützen sich dabei, sie umzusetzen. Was ich gelernt habe: Menschen lernen am besten voneinander, eine Imkerin von einer Imkerin, eine Schafhirtin von einer anderen Schafhirtin und eine Landwirtin von einer Landwirtin. In der Vergangenheit war die Nutzung von natürlichen Ressourcen in der Gesellschaft klar geregelt und das Wohl der Dorfgemeinschaften stand an oberster Stelle. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in der Zukunft ähnliche Systeme wieder einführen können, die sowohl der Natur als auch den Menschen Respekt entgegenbringen und nachhaltig sind. In diesem Zusammenhang möchte ich als Vermittlerin einen Beitrag leisten, im Sinne der Natur und der ländlichen Gemeinden.

Frosina, herzlichen Dank für dieses inspirierende Gespräch!

Interview: Katharina Grund

Ein Bergdorf im Shar Gebirge mit Wiesen und Hecken.
© Azem Ramadani
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