Alarm am Weltzugvogeltag: Millionen Vögel werden im Mittelmeerraum illegal getötet oder gefangen

Zum Weltzugvogeltag schlagen Tour du Valat, EuroNatur und BirdLife International Alarm wegen des enormen Ausmaßes an illegaler Tötung von Zugvögeln im Mittelmeerraum. Die drei Organisationen für den Schutz von Vögeln fordern mehr Tempo bei der Umsetzung des Ziels, diese Praktiken bis 2030 um mindestens die Hälfte zu reduzieren.

Vierzehn tote Wachteln liegen auf Küchenpapier auf einem Parkettboden.

Gewilderte Wachteln in Serbien

© Milan Ružić
Zwei Lockenten für die Vogeljagd und leere Patronenhülsen

Lockenten dienen als Köder, um Wasservögel zum Landen zu bewegen.

© Biom
Ein Vogeljäger in seinem Unterstand am Strand von Montenegro.

Im Jagdunterstand warten Vogeljäger auf landende Vögel, wie hier in Montenegro.

© Martin Schneider-Jacoby/EuroNatur

Radolfzell. In einem Waldgebiet in Norddeutschland geboren und kaum ein paar Dutzend Gramm schwer, treten junge Stieglitze eine Reise von mehreren tausend Kilometern an, um den Winter im südlichen Mittelmeerraum zu verbringen. Schon ihre Route ist voller Gefahren, doch es gibt eine weitere Bedrohung: Wegen ihres Gesangs und ihres prächtigen Gefieders gefangen, werden diejenigen, die Fang und Transport überleben, illegal verkauft und verbringen oft den Rest ihres Lebens in einem Käfig in Marseille oder anderswo im Mittelmeerraum.

„Jedes Jahr werden im Mittelmeerraum geschätzt 11 bis 36 Millionen Zugvögel illegal getötet oder gefangen“, erklärt Barend Van Gemerden, Leiter des Bereichs „Global Flyways“ bei BirdLife International. „Deshalb haben sich die Länder der Region im Rahmen des Strategischen Plans von Rom sowie der Bonner und der Berner Konvention dazu verpflichtet, das illegale Töten und Fangen bis 2030 um mindestens 50 Prozent zu reduzieren. Jetzt ist es an der Zeit, diese Verpflichtung in die Tat umzusetzen.“

NGOs schlagen Alarm wegen mangelnder Fortschritte im Mittelmeerraum

Die Fortschritte sind nach wie vor höchst unzureichend. Der von BirdLife International und EuroNatur im Mai 2025 veröffentlichte Bericht Illegal Killing of Birds (IKB-3.0) zeichnet ein erschreckendes Bild:

„Zur Halbzeit der Umsetzung des Strategischen Plans von Rom haben 83 Prozent der 46 untersuchten Länder noch nicht die Maßnahmen ergriffen, die zur Erreichung der Ziele erforderlich sind“, sagt Dr. Justine Vansynghel, Projektleiterin für Zugvögel bei EuroNatur. „Diese Diskrepanz ist äußerst besorgniserregend und zeigt, wie viel Arbeit noch zu tun ist, wenn es die Regierungen mit der Einhaltung ihrer Verpflichtungen ernst meinen.“

Unterdessen bestätigt das Mediterranean Waterbird Network (MWN) nach vierjährigem Monitoring in acht Ländern des Mittelmeerraums die anhaltenden und vielfältigen Bedrohungen für Zugvögel, darunter unkontrollierte Jagd, Fallenstellen und Belastung durch Bleimunition.

Lösungen müssen auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnitten sein

Die MWN-Erhebungen zeigen ein gemischtes Bild in verschiedenen Regionen. Um wirksam zu sein, müssen die Maßnahmen die spezifischen Gegebenheiten und Herausforderungen jedes Landes widerspiegeln.

„Erstmals haben wir nun harmonisierte Daten zu diesem Thema“, sagt Laura Dami, Koordinatorin des Mediterranean Waterbird Network. „Auf mediterraner Ebene zeigen diese Daten, wie viel noch zu tun ist. Lokalen Organisationen ermöglichen sie zugleich die Erarbeitung länderspezifischer Empfehlungen, wie die internationalen Verpflichtungen erfüllt werden können.“

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung: In den meisten Ländern arbeiten Partner von BirdLife, EuroNatur und MWN bereits aktiv daran, das illegale Töten und den illegalen Fang von Vögeln zu bekämpfen. Die MWN-Organisationen erarbeiten zudem Empfehlungen für jedes der acht am Monitoringprogramm beteiligten Länder. Dabei stehen drei zentrale Maßnahmen im Vordergrund: 

  • das Schließen rechtlicher Lücken,
  • eine nachhaltige Finanzierung zur Stärkung des wissenschaftlichen Monitorings und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit
  • die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Behörden, Jägern und Naturschutzorganisationen.

Mit diesen Maßnahmen lassen sich die internationalen Verpflichtungen vor Ort umsetzen.

EuroNatur, Tour du Valat und BirdLife International fordern die Regierungen auf, den Kampf gegen das illegale Fangen und Töten von Zugvögeln im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen ihrer Länder zu beschleunigen. Dazu sollen sie mit allen relevanten Akteuren zusammenarbeiten, um die Entwicklung, Finanzierung und Umsetzung nationaler Aktionspläne voranzutreiben. Zugvögel durchqueren im Laufe ihres Lebens mehrere Länder, weshalb ein koordiniertes Vorgehen unerlässlich ist. Fortschritte in einem Land sind nur dann wirksam, wenn ähnliche Maßnahmen entlang der gesamten Zugroute umgesetzt werden.

Hintergrundinformationen:

  • Hier erfahren Sie mehr zum Thema Vogeljagd auf dem Balkan.
  • Über das MWN: Das 2012 gegründete Mediterranean Waterbirds Network (MWN) vereint eine Vielzahl von Partnern (lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen, Universitäten, staatliche Stellen usw.), die sich im Monitoring und für den Schutz von Wasservögeln und Feuchtgebieten im Mittelmeerraum engagieren. Es entstand aus der Zusammenarbeit von fünf nordafrikanischen Ländern (Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten) mit Tour du Valat und dem französischen Amt für Biodiversität (OFB), mit dem Ziel, sowohl den Umfang als auch die Qualität des Monitorings zu verbessern.
  • Tour du Valat ist ein Forschungsinstitut zum Schutz der Feuchtgebiete im Mittelmeerraum. Es hat seinen Sitz in der Camargue (Frankreich) und ist als gemeinnützige private Stiftung anerkannt. Tour du Valat wurde 1954 von Luc Hoffmann gegründet und hat seitdem seine Forschungsaktivitäten mit einem beständigen Ziel weiterentwickelt: ein besseres Verständnis von Feuchtgebieten zu erlangen, denn sie sind das produktivste und zugleich am stärksten bedrohte Ökosystem unseres Planeten.
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