Der Weg ist das Ziel

3.300 Kilometer zu Fuß über den Balkan: Im Sommer 2024 machte Petar Vanev von der bulgarischen Naturschutzorganisation BBF eine schweißtreibende Wanderung, immer entlang des einstigen Eisernen Vorhangs. Dabei durchquerte Petar atemberaubende Landschaften und erlebte aufregende Momente - alles im Zeichen der Versöhnung am Grünen Band Balkan.

Wanderer auf Bergspitze über Flusslauf

So ein Ausblick lässt die Gedanken schweifen...Petar Vanev steht am Eisernen Tor, dem berühmten Donaudurchbruch an der serbisch-rumänischen Grenze.

© Petar Vanev

Petar Vanev gönnt sich eine wohlverdiente Pause mit beeindruckendem Ausblick. Petar hat den Veliki Shtrbac erreicht, ein berühmter Aussichtspunkt im serbischen Đerdap-Nationalpark. Auf den letzten Metern hoch zur Bergspitze muss sich Petar Vanev durch dichtes Gestrüpp kämpfen; der Pfad auf der Nordseite des Berges ist nahezu komplett überwuchert. Bei den hochsommerlichen Temperaturen kommt Petar mächtig ins Schwitzen. Schließlich erreicht er die Bergspitze und blickt auf das Eiserne Tor, den berühmten Donaudurchbruch im Osten Serbiens. Die spektakuläre Flussklippenlandschaft lässt Petar unweigerlich an die antike, in Griechenland verortete Schlacht bei den Thermopylen denken, als sich 300 Spartaner unter Führung König Leonidas einer persischen Übermacht entgegenstellten. Dabei ist Petar Vanevs Vorhaben, bei dem die Pause am Veliki Shtrbac nur ein kurzer Halt ist, alles andere als kriegerisch. Seine Wanderung entlang des Balkan Green Belt Trails steht für Frieden und Versöhnung am Grünen Band Balkan, wo die heißen und kalten Kriege des 20. Jahrhunderts tiefe Wunden in den Köpfen und Seelen der Menschen hinterlassen haben – und wo Flüchtlingstrecks und neues Großmachtstreben alte Ressentiments schüren.

Geh nicht nur die glatten Straßen. Geh Wege, die noch niemand ging…

1. Durst

Weizenfeld vor Gewitterwolken

Der größte Teil der serbischen Region Vojvodina besteht aus landwirtschaftlichen Flächen, die sich entlang der serbisch-rumänischen Grenze erstrecken. Schattenspendende Bäume gibt es hier nur wenige.

© Petar Vanev

Petar Vanev begann seine Reise am Checkpoint der ungarisch-serbischen Grenze, dem nördlichsten Punkt des Balkan Green Belt Trails. Die flache Landschaft der Vojvodina ist geprägt von intensiver Landwirtschaft. Zu Zeiten des Kalten Krieges war der Norden Serbiens noch bewaldet, doch im Sommer 2024 führte Petars Weg vorbei an endlosen Weizenäckern und Sonnenblumenfeldern. Die Sonne brannte erbarmungslos auf den Wanderer. „Die Hitze auf diesem Streckenabschnitt war brutal, es gab kaum schattenspendende Bäume“, erinnert sich Petar. „Für gewöhnlich wandere ich mit leichtem Gepäck, fülle mein Wasser lieber unterwegs auf, als mehrere Flaschen mitzuschleppen. Doch auf diesem Abschnitt gab es kaum Möglichkeiten hierfür, weil frisches Trinkwasser Mangelware war. Erschwerend hinzu kam, dass es nicht in jedem kleinen Dorf einen Supermarkt gab. Beim nächsten Mal werde ich zumindest die Mittagshitze meiden“, sagt Petar schmunzelnd.

2. Grenzerfahrung

Wer den Balkan Green Belt Trail entlang wandert, muss mehrere Grenzen passieren, darunter auch EU-Außengrenzen; noch sind nicht alle Staaten auf dem Balkan Teil der Europäischen Union. Nachdem 2015 viele Geflüchtete die Balkanroute gewählt hatten, um in der Europäischen Union Zuflucht zu finden, haben die Grenzen sogar wieder an Bedeutung gewonnen; konkret mit verstärkten Patrouillen, aber auch in den Köpfen vieler Menschen. Dies musste auch Petar feststellen. Kurz vor seinem Heimatland wurde der Bulgare vom serbischen Grenzschutz angehalten. „Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen im Grenzgebiet seit den Flüchtlingsströmen 2015/16 wachsamer und skeptischer gegenüber Fremden geworden sind“, sagt Petar. „Das ist eine schmerzliche Entwicklung.“ Petars Vermutung deckt sich mit einer weiteren Erfahrung auf dem Trail weiter nördlich. „Als ich entlang der Felder gelaufen bin, wurde ich von einem Landwirt argwöhnisch beäugt. Er war schon kurz davor, sein Handy zu zücken und die Polizei zu rufen, als ich versuchte, ihm zu erklären, was ich hier mache. Die Verständigung mit meinem radebrechenden Serbisch war gar nicht so einfach. Letztendlich sagte er mir, dass er mich für einen illegalen Migranten hielt – wünschte mir nach dem Missverständnis aber eine gute Reise“, schildert Petar die Situation.

Beide Ereignisse zeigen, wie wichtig die Arbeit von EuroNatur und ihren Partnern am gesamten Grünen Band Europa ist. Bei diesem Projekt geht es nicht nur um Naturschutz, sondern auch um Völkerverständigung.

EuroNatur-Mitarbeiterin Jessica Bitsch
Jessica Bitsch, EuroNatur-Projektleiterin Grünes Band Europa

3. Geisterdörfer

Je weiter südlich Petar kam, desto wilder wurde die Landschaft. Im Nordwesten Bulgariens passierte er fast verlassene Geisterdörfer. „In vielen Ortschaften waren mehr Häuser aufgegeben als bewohnt. Das hatte eine mitunter ziemlich unheimliche Atmosphäre“, erinnert Petar sich. „Manche Wege entlang des Trails waren so zugewachsen wie in einem Märchen, wo sich der Prinz einen Weg zum Schloss frei kämpfen muss.“ Was romantisch klingen mag, hat nicht nur eine gesellschaftliche Kehrseite, sondern kann auch zu einem ökologischen Problem werden. „Die Abwanderung vor allem junger Menschen ist eine große Herausforderung am Grünen Band Balkan“, sagt Jessica Bitsch. „Es gibt dort noch unglaublich wertvolle, artenreiche Kulturlandschaften. Diese Flächen wollen wir durch nachhaltige Land- und Weidewirtschaft erhalten und so ein grünes Netzwerk entlang des einstigen Eisernen Vorhangs schaffen. Doch dazu muss die nächste Generation vor Ort bleiben und die traditionellen Bewirtschaftungsmethoden fortführen“, so die Umweltwissenschaftlerin.

Dragoman-Sumpf mit dem Berg Chepan im Hintergrund

Nach dem Abstieg von der Stara Planina führte die Route Petar Vanev durch ein Tal Richtung Chepan-Berg, vorbei an teilweise verlassenen Dörfern, historischen Klöstern und alten Eisenbahnschienen. In der Nähe von Chepan verläuft der Weg am Dragoman-Moor vorbei, einem ökologisch bedeutsamen Feuchtgebiet und Hotspot der Biodiversität im Nordwesten Bulgariens.

© Petar Vanev

4. Herdenschutzhunde

Ein Hirte mit seiner Schafherde vor der atemberaubenden Kulisse des Shar Gebirges.

Von traditioneller Weideviehhaltung, hier im Shar-Gebirge, profitiert die Biodiversität.

© Jovan Bozinoski

In den Gebirgslagen des Balkans ist die Wanderweidewirtschaft noch verbreitet; davon profitiert auch die Natur. Die Schäfer hüten ihre Herden traditionell mit Herdenschutzhunden – und das sind keine Schoßhunde. Petar denkt zurück an eine brenzlige Situation: „Ich näherte mich einer Schafherde als plötzlich mehrere große Hunde laut anfingen zu bellen und auf mich zukamen. Die Tiere sahen wirklich respekteinflößend aus. Klar, sie sind ja auch dazu da, um die Schafe und Ziegen vor Wölfen und Bären zu schützen. Zum Glück war ein Schäfer bei seiner Herde, ein junger Mann, sehr freundlich. Als er mich sah, hat er seine Hunde sofort zurückgepfiffen.“ Petar hat zwei Tipps für Wanderer, die sich einer Herde näheren: „Erstens: Abstand zu den Tieren halten! Und zweitens: Sich möglichst frühzeitig der Schäferin oder dem Hirten zeigen und Kontakt aufnehmen.“

Auf meiner Wanderung war ich oft weit und breit der einzige Mensch; dieser Einsamkeit konnte ich viel abgewinnen. Vor allem in den schroffen Hochgebirgslandschaften, etwa in Stara Planina, habe ich die wunderschöne Natur intensiv genossen.

bärtiger Wanderer auf Bergspitze
Petar Vanev, BBF

5. Feuer

Auf den Aufnahmen, die Petar mit seinem Handy während seiner Reise gemacht hat, sieht es am 26. August im Galičica-Nationalpark, gelegen zwischen dem Ohrid- und dem Prespasee, einfach nur wolkig aus. Doch es war Rauch, der die Luft erfüllte. „Ich konnte den beißenden Geruch des Rauchs riechen, war zunächst aber noch unbesorgt, weil ich dachte, das Feuer sei auf der anderen Seite der Grenze und mein Weg führe vom Feuer fort“, schildert Petar. Doch kaum hatte der Wanderer den höchsten Punkt im Gebirge, den Magaro, erreicht, erkannte er den Ernst der Lage. „Plötzlich bemerkte ich, dass es nicht nur in Albanien brannte, sondern auch in Nordmazedonien, ganz in meiner Nähe! Zum Glück trieben die Winde das Feuer nicht in meine Richtung. Zudem warfen mehrere Löschflugzeuge ihre nasse Fracht über den Feuern ab“, erinnert sich der Wanderer. „Infolge des Klimawandels leidet die Region zunehmend unter Dürre. Die überwiegend menschengemachten Feuer haben dann ein leichtes Spiel und zerstören weite Flächen der wertvollen Bergwelt. Das ist ein großes Problem, das sich in den kommenden Jahren vermutlich noch verstärken wird“, so Petar.

Panoramasicht auf den Ohrid- und den Prespasee mit Rauch von Feuern

Eigentlich ein Punkt mit wunderschönem Ausblick: auf der linken Seite der Ohrid-See, auf der rechten der Prespa-See. Beide Gewässer gehören zu den ältesten Seen der Welt. Doch die Feuer in der Region häufen sich und zerstören weite Teile der Landschaft. Deutlich ist der Rauch am rechten Bildrand zu erkennen.

© Petar Vanev

6. Zieleinlauf

Petar Vanev am südöstlichsten Festlandspunkt Europas

Am Ziel: Petar Vanev steht am südöstlichsten Punkt Festlandseuropas; hier an der bulgarisch-türkischen Grenze endet der Balkan Green Belt Trail. Petar ist erschöpft - aber auch sehr glücklich und reich an neuen Erfahrungen.

© Petar Vanev

Die letzten zwanzig Kilometer auf dem Balkan Green Belt Trail führten Petar Vanev entlang der bulgarischen Küste. „Das Finale war wunderschön“, erinnert sich Petar. „Es ging fast immer entlang der Küstenlinie: das Meer, die Sonne, die Brise – herrlich. Leider war der schöne Strand von Silistar nicht passierbar, da aufgrund heftiger Unwetter in den Tagen zuvor der Fluss Veleka zu viel Wasser führte und den Strand unterspülte, doch das war am Ende kein Drama. Nach so einer abenteuerlichen Tour wird man ein Stück weit zum Stoiker“, sagt Petar lachend. „Auf meiner Wanderung habe ich so viele verschiedene Landschaften gesehen: von den Steppen der Vojvodina, entlang großer Flüsse, durch dichte Wälder und über hohe Berge bis zu artenreichen Feuchtwiesen und Sümpfen. Diese Vielfalt hat mich beeindruckt und mir gezeigt, wie schön und wie schützenswert das Grüne Band Balkan ist“, resümiert Petar Vanev.

Abgeschiedener Strand in der Nähe des Dorfes Rezovo nahe der bulgarisch-türkischen Grenze

Am Ende lockt das Meer...Ein abgeschiedener Strand an der bulgarischen Schwarzmeerküste.

© Petar Vanev
  • Der Balkan Green Belt Trail im Netz

    Petar Vanev hat ein Videotagebuch seiner Wanderung in 19 Kapiteln geführt, in dem er uns bei seiner Reise von der ungarisch-serbischen bis an die bulgarisch-türkische Grenze mitnimmt. Erleben Sie atemberaubende Landschaften und emotionale Momente und gewinnen Sie einen Eindruck von seiner Reise.

  • Selbst die Wanderschuhe schnüren

    Bunker in Albanien nahe des Dorfes Teth

    In Albanien dient manch einer der vielen Bunker im Land als Markierungshilfe für den Balkan Green Belt Trail.

    © Petar Vanev

    Trotz der sehr guten Vorarbeit von Petar Vanev ist der Balkan Green Belt Trail zum jetzigen Zeitpunkt eher ein Konzept als ein vollständig markierter oder gar gepflegter Wanderweg. Während einige Abschnitte über gut erkennbare Beschilderungen verfügen, sind andere gar nicht markiert und erfordern gute Orientierungsfähigkeiten, beziehungsweise Ortskenntnisse oder GPS-Unterstützung. Wanderinnen und Wanderer sollten sich vorab über die einzelnen Abschnitte, die sie wandern möchten, informieren. Eine vorausschauende Planung, Sicherheitsvorkehrungen und die Kenntnis der örtlichen Vorschriften sind unerlässlich. Die Wanderroute (GPX-Dateien) ist frei verfügbar als Download-Link auf der Website von BBF und auf Outdooractive.

Der Autor: Christian Stielow hat schon viele Wanderungen durch die Natur unternommen. Doch die Tour von Petar Vanev nötigt ihm höchsten Respekt ab.

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