Eine junge Braunbärin namens Bora (albanisch für "Schnee") verschafft unseren albanischen Partnern von PPNEA seit einiger Zeit wertvolle Einblicke in das Leben Großer Beutegreifer in der Region.
Aus der Schlingfalle gerettet
Seit einer dramatischen Rettungsaktion im vergangenen Herbst verhilft Bärin Bora den Wissenschaftlerinnen und Bärenforschern zu sehr seltenen und aussagekräftigen GPS-Daten. So lernen unsere Partner jeden Tag mehr über natürliche Verbindungsräume auf dem Balkan und die Herausforderungen, vor denen Braunbären in der Region derzeit stehen.
Erstmals im November vergangenen Jahres stießen unsere Partner auf die Bärin Bora, als sie in der Nähe des Dorfes Trebinjë im Südosten Albaniens in einer Schlingfalle gefangen aufgefunden wurde. Einen Tag zuvor war ein anderer Bär von einer dieser illegalen Schlingen getötet worden. Fallen sind eine ständige Bedrohung für Große Beutegreifer in der Region, insbesondere für Bären. Vorrangig für Wildschweine aufgestellt, töten diese Fallen auch andere, nicht als Beute vorgesehene Tiere.
Die Rettungsaktion für Bora, die unsere Partner von PPNEA gemeinsam mit Unterstützern durchgeführt haben, war logistisch anspruchsvoll; das Fehlen eines offiziellen Bären-Einsatzteams in Albanien macht sich in solchen Situationen immer wieder bemerkbar. Es besteht dringender Handlungsbedarf, solch ein Team, wie es zum Beispiel bereits eines im Nachbarland Griechenland gibt, auch in Albanien aufzubauen.
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„Spezialeinheit“ für den Bärenschutz
Nach ihrer Befreiung haben unsere Partner von PPNEA Bora einige Kilometer vom Dorf entfernt in ein abgelegenes Gebiet gebracht. Vor ihrer Freilassung haben die Bärenschützer Bora mit einem Senderhalsband ausgestattet, sodass unsere Partner ihre Bewegungen in Echtzeit verfolgen können. Bora ist erst die zweite Braunbärin in Albanien, die einen Peilsender trägt; bei der ersten handelte es sich um die Bärin Maja, die eine ganz ähnliche Geschichte hatte. Vielleicht erinnern Sie sich noch?
Ein kleines Weihnachtswunder
Adventszeit 2023: Das ebenfalls junge Braunbärenweibchen Maja ist in Albanien in eine Schlingfalle geraten. Erst Tage später erfahren unsere Partner von PPNEA hiervon; sofort organisieren sie eine Rettungsaktion. Mit der Erfahrung des zur Hilfe geeilten Bären-Interventionsteams aus dem nahen Griechenland konnten unsere Partner Maja an Weihnachten retten und besendern. Zehn Monate lang lieferte der Sender wertvolle Daten, dann wurde er per Fernbedienung vom Hals des Tieres gelöst. Unsere Partner blieben aber auch ohne Peilsender auf Majas Fersen und installierten eine Wildtierkamera vor ihrer Höhle – auf der im vergangenen Winter sehr wahrscheinlich Maja mit ihrem Nachwuchs zu sehen war.
Ein Winter, der keiner war
Unter normalen Umständen halten Braunbären in der kalten Jahreszeit Winterschlaf. Bora hatte zunächst jedoch andere Pläne. Telemetriedaten zeigten, dass sie während der gesamten Schneesaison aktiv blieb, mit nur sehr kurzen „Schläfchen“ zwischendurch. Anstatt sich in eine Winterhöhle zurückzuziehen, begab sich Bora auf eine ausgedehnte Reise. Im Laufe mehrerer Wochen legte sie etwa 100 Kilometer zurück – eine durchaus bemerkenswerte Strecke für eine Bärin (die im Gegensatz zu den männlichen Artgenossen eher ortstreu sind), zumal im Winter.
Den längeren und offenbar notwendigen Winterschlaf holte Bora dann deutlich verzögert im März und April nach. Fachleute vermuten, dass der Klimawandel mit milderen Wintern, das geringere Angebot an Wildfrüchten im Herbst und ein Mangel an geeigneten Schlafplätzen den natürlichen Winterschlafzyklus der Braunbären zunehmend durcheinanderbringen.
Gefährliche Hindernisse
Vom Ohrid-See bis in den Mavrovo-Nationalpark: Boras grenzüberschreitende Wanderung ist bemerkenswert.
© PPNEA/ENIhre Bewegungen, die dank des Senderhalsbands exakt nachvollzogen werden konnten, machen auf ein kritisches Problem aufmerksam: infrastrukturelle Barrieren. An einer Stelle versuchte Bora, eine neu gebaute Nationalstraße zu überqueren, was ihr jedoch nicht gelang. Große Straßen wirken oft als massive Hindernisse, die Lebensräume zerschneiden und die Bewegungsfreiheit der Wildtiere erheblich einschränken, was im schlimmsten Fall zu einer genetischen Isolation führen kann. Bora änderte ihre Route daraufhin, bis sie schließlich die Grenze zu Nordmazedonien überquerte und den Mavrovo-Nationalpark erreichte.
Boras Reise ist mehr als nur eine außergewöhnliche Geschichte aus der Tierwelt, sie ist eine Fallstudie, aus der wir viel lernen können. Die Vernetzung von Lebensräumen ist entscheidend. Große Beutegreifer sind auf zusammenhängende Landschaften angewiesen, um genug Nahrung und geeignete Fortpflanzungspartner finden zu können. Menschliche Infrastruktur zerschneidet Ökosysteme; Straßen können Populationen isolieren und ihr natürliches Verhalten einschränken.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei diesem Thema ist unerlässlich. Boras Wanderung von Albanien nach Nordmazedonien unterstreicht die Notwendigkeit der Zusammenarbeit bei Naturschutzvorhaben über staatliche und institutionelle Grenzen hinweg.
Boras Reise ist noch nicht zu Ende...
Bora ist nach wie vor unterwegs, überwindet Berge, Grenzen und von Menschen geschaffene Hindernisse. Ihre Bewegungen liefern weiterhin wichtige Erkenntnisse für die Wissenschaft und den Naturschutz auf dem Balkan.
Autoren: Lorena Pyze Xhafaj (PPNEA) & Christian Stielow (EuroNatur)
