Die Nacht des lautlosen Jägers: "Bubo-Night" in Montenegro
Der Uhu ist die größte Eule der Welt - und trotzdem bekommen ihn nur wenige Menschen zu Gesicht. Um zu wissen, wie viele Uhus noch in Montenegro leben, begeben sich unsere Partner von CZIP auf die nächtliche akustische Suche nach den großen Eulen. Unterstützt werden sie dabei von etlichen Freiwilligen.
Gastbeitrag von Marija Šoškić Popović von unserer montenegrinischen Partnerorganisation CZIP
In der Abenddämmerung, wenn das letzte Licht hinter den Bergkämmen verschwindet, hallt ein tiefer, kraftvoller Ruf von den Felsen wider – der Ruf des Uhus (Bubo bubo), der größten Eule der Welt. Der Uhu, bekannt für seine „Ohrbüschel“ und seinen durchdringenden Blick, beherrscht die Nacht in den felsigen Berglandschaften Montenegros. Trotz seiner stattlichen Größe nahezu unsichtbar, aber durch seinen Ruf präsent, läutet er in den letzten eisigen Nächten des Jahres den Beginn der wichtigsten Phasen seines Lebenszyklus ein: die Fortpflanzungszeit. Hier beginnt unsere Geschichte.
Jedes Jahr im Februar wartet auf uns Mitarbeitende von CZIP ein Veranstaltungshighlight: die „Bubo-Night“, die Nacht des Uhus. Diese Veranstaltung signalisiert in unseren Kalendern den Frühlingsanfang. Während sich die Natur langsam wandelt und der Winter verblasst, beginnen die Uhus mit ihren Revierrufen, und wir bereiten uns auf dieses spannende Ereignis vor.
Dieses Jahr war es etwas Besonderes, denn wir haben ein Jubiläum gefeiert – die „Bubo-Nacht“ ging in ihr zehntes Jahr. Seit 2017 beobachtet das Zentrum für Vogelschutz und -forschung (CZIP) Uhus an mehreren Standorten in ganz Montenegro. Die Idee zur „Bubo-Night“ stammt von unserem Kollegen Tomaž Mihelič aus Slowenien, der vor fast drei Jahrzehnten damit begann, Freiwillige in die Erforschung der großen Eule einzubeziehen. Wenn ein einzelner Ornithologe 20 Standorte abdecken müsste, wären 20 Nächte nötig. Doch Tomaž hatte einen ebenso einfachen wie genialen Einfall: Mit Hilfe von Freiwilligen könnte dies in nur einer Nacht geschafft werden. Zudem wird dadurch sichergestellt, dass es nicht zu Doppelungen bei der Zählung kommt. Mittlerweile hat sich diese Idee in der gesamten Balkanregion etabliert und ist mit Ablegern in Slowenien, Kroatien, Nordmazedonien, Serbien, Albanien und Montenegro vertreten – ebenso wie in Deutschland.
Lauschen bis die Sterne am Himmel stehen
Die diesjährige Zählung wurde in drei verschiedenen Regionen durchgeführt: entlang der Küste, an den Hängen des Berges Rumija und in der Ebene von Bjelopavlići. Voraussetzung ist jedes Mal eine klare, windstille Nacht. Meist sind die Teams schon vor Sonnenuntergang unterwegs, da die Männchen manchmal früh zu rufen beginnen. Nach den Anweisungen durch die Eulenexpertinnen und -experten werden die Teilnehmenden in Gruppen aufgeteilt und begeben sich zu bestimmten Punkten potenzieller Nistplätze, wo sie still auf den charakteristischen Ruf des Uhus warten. Mit etwas Glück sind auch die Weibchen (etwas höher und kürzer) zu hören. Das Lauschen dauert oft bis weit in die Nacht hinein. Müde, aber meist beglückt, kehren die Freiwilligen schließlich zum Ausgangspunkt zurück und tauschen aufgeregt ihre Eindrücke miteinander aus.
Stimmen der Teilnehmenden I
Ich mag die ‚Bubo-Nacht‘ sehr, weil ich es liebe, in der Natur zu sein. Mir gefällt auch, dass wir eine Weile ganz für uns sind, ohne viele Leute um uns herum. Ich freue mich, wenn ich die Eule höre, aber es ist auch nicht schlimm, wenn sie nicht ruft. Auch das Beisammensein im Anschluss macht mir wirklich Spaß.
Ljubica Sekulić, Grundschülerin
Der gesellige Teil ist ein wichtiger Bestandteil der „Bubo-Nights“. In Vorträgen erfahren die ehrenamtlichen Eulenschützerinnen und Uhufreunde mehr über die Biologie von Bubo bubo, dessen Lebensweise und den Bedrohungen, mit denen der Uhu konfrontiert ist. In den vergangenen Jahren haben wir von CZIP zudem Wissensquizze organisiert, bei denen die Teilnehmenden spielerisch ihr Wissen unter Beweis stellen und kleine Preise gewinnen konnten. Solche Momente bringen den Menschen die Natur näher und stärken das Gemeinschaftsgefühl.
Diesmal habe ich den Uhu nicht gehört, was mich ein bisschen traurig gemacht hat, aber alles andere war perfekt. Ich habe an einem Ort mit wunderschöner Aussicht gelauscht, und das ganze Erlebnis war sehr beruhigend, beinahe meditativ. Das Highlight war das Beisammensein am Ende und das Quiz. Danke an das CZIP-Team – ich kann die nächste ‚Bubo-Night‘ kaum erwarten.
Neben der „Bubo-Night“ sowie weiteren Freiwilligeninitiativen und Umweltbildungsveranstaltungen engagieren sich unsere montenegrinischen Partner von CZIP mit verschiedenen Aktivitäten für den Schutz des Uhus in ihrem Land. So werden zum Beispiel einzelne Vögel mit GPS-Sendern versehen. Mit Hilfe der gewonnen Daten hoffen unsere Partner, mehr über das Verhalten der Uhus zu lernen und so noch bessere Schutzmaßnahmen ergreifen zu können. Die wohl häufigste unnatürliche Todesursache für die großen Eulen ist Elektrokution, also der tödliche Stromschlag an ungesicherten Strommasten. In Zusammenarbeit mit dem Stromnetzbetreiber werden zeitnah die ersten Sicherungen für Strommasten in Montenegro installiert, weitere sollen folgen.
Federohren
Neben seiner schieren Größe sind die bis zu acht Zentimeter langen Federohren das auffälligste Merkmal des Uhus. Sie dienen nicht zum Hören, sondern geben die Stimmung des Vogels wieder. Oft angelegt oder in einem flachen V, werden sie bei Erregung steil aufgestellt.
Augen
Die großen, orangen Augen des Uhus sind ausdrucksstark und vermitteln einen durchdringenden Blick. Sie sind perfekt an die nächtliche Jagd angepasst. Selbst wenige Lichtstreifen reichen dem Uhu, um seine Beutetiere zu finden (wobei auch das ausgezeichnete Gehör bei der Jagd eine wichtige Rolle spielt).
Größe
Mit einer Größe von 60 bis 73 Zentimetern ist der Uhu die größte Eule der Welt. Im Allgemeinen sind die im Süden ihres weiten Verbreitungsgebietes (vom Atlantik bis zum Pazifik) lebenden Uhus etwas kleiner als ihre nordischen Verwandten; der erheblich kleinere Wüstenuhu in Nordafrika wird mittlerweile als eigene Art geführt. Weibchen sind deutlich größer als Männchen (Geschlechtsdimorphismus).
In den letzten zehn Jahren haben insgesamt 567 Ehrenamtliche, viele davon Jahr für Jahr wieder, an der „Bubo-Nacht“ teilgenommen. Die im Rahmen dieser Veranstaltung gesammelten Daten spielen eine entscheidende Rolle beim Schutz des Uhus. Gemeinsam haben wir 494 Standorte erfasst und 238 Uhu-Reviere bestätigt. Ohne die großartige Arbeit der Freiwilligen wäre eine solche Erhebung nicht möglich.
Durch die jahrelange Überwachung der Reviere lassen sich Veränderungen in der Populationsgröße und -verteilung erkennen. Diese Daten helfen dabei, wichtige Lebensräume zu identifizieren und Bedrohungen wie zunehmende Urbanisierung, Störungen an den Nistplätzen, Stromschläge an Mittelspannungsleitungen oder Wilderei zu erkennen. Auf der Grundlage dieser Informationen arbeiten wir Hauptamtliche von CZIP aktiv daran, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, mit Institutionen zusammenzuarbeiten und Schutzmaßnahmen vorzuschlagen, um eine stabile Uhu-Population in Montenegro zu erhalten.
Stimmen der Teilnehmenden III
Wenn man bei Sonnenuntergang auf den Ruf des Uhus lauscht, erlebt man den Ort in allen akustischen Details: Man hört den Bach, den Wind in den Blättern, Vögel in den Büschen und Bäumen, knackende Äste … je mehr man versucht, sich auf ein Geräusch zu konzentrieren, desto mehr nimmt man all die anderen wahr – bis man schließlich den Uhu hört. In diesen anderthalb oder zwei Stunden in der Natur nimmt man alles in sich auf, was um einen herum geschieht.
Anastasija Ukšanović, Biologiestudentin
Die „Bubo-Nacht“ ist nicht nur ein wissenschaftliche Forschungsprojekt, sondern eine Begegnung zwischen Mensch und Natur. Sie bietet eine Gelegenheit, innezuhalten und der Welt um uns herum zu lauschen. Durch diese Veranstaltung werden immer mehr Menschen Teil des Naturschutz-Netzwerkes in unserem Land.
In den kommenden Jahren werden wir bei CZIP die Uhu-Population weiterhin im Blick behalten und den Schutz von Europas größter Eule weiter vorantreiben. Dabei wird die „Bubo-Night“ auch zukünftig eine wichtige Rolle spielen, in der Hoffnung, dass diese beliebte Veranstaltung noch weiterwächst und neue Generationen von Naturliebhabern inspiriert.
Der „Großherzog“ unter den Vögeln – Wie der Uhu zu seinem Namen kam
Onomatopoesie: schon mal gehört? Kleiner Tipp: Das Wort Poesie steckt drin, der Begriff wird also etwas mit Sprache zu tun haben. Tatsächlich versteht man unter Onomatopoesie die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen – also auch von Tierlauten. Und damit wären wir beim Uhu. Wer den – mitunter als unheimlich oder in früheren Zeiten gar „abscheulich“ empfundenen – Ruf der größten Eule schon mal gehört hat, kann verstehen, wie sie im Deutschen oder auch im Türkischen (Puhu) zu ihrem Namen kam. Der lateinische Name des Uhus (Bubo bubo) ist ebenfalls lautmalerisch.
In anderen Sprachen verweist die stattliche Größe des Vogels auf seinen Namen (Englisch: Eagle owl, „Adlereule“), seine markanten Federohren (Dänisch: Stor hornugle, „Große Horneule“) oder dessen Lebensraum (Schwedisch: Berguv, „Bergeule“). Herauszustellen ist der französische Name von Bubo bubo: Grand-duc, also der „Großherzog“. Ob das würdevolle Aussehen des Uhus, seine Vorliebe für Burgruinen und verfallene Schlösser oder die Tatsache, dass er von etlichen Singvögeln begleitet (oder besser gesagt attackiert) wird, wenn diese ihm tagsüber gewahr werden, hierbei namensgebend waren, ist sprachwissenschaftlich umstritten.
Autorin: Marija Šoškić Popović, 38, ist seit acht Jahren als Ornithologin bei der montenegrinischen EuroNatur-Partnerorganisation CZIP unter anderem für das Vogelmonitoring und die Beringung von Vögeln zuständig. Mit den erhobenen Daten trägt sie wesentlich dazu bei, wichtige Vogellebensräume in Montenegro vor der Zerstörung zu bewahren. Vögel liebt Marija seit ihrer Kindheit, ihre zweite große Leidenschaft ist die Naturfotografie.