Auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft: Ist “geschützte” Natur in Albanien wirklich geschützt?

++ Ein Jahr nach der Eröffnung von Kapitel 27: Beitrittsfortschritte in Albanien müssen mit konkreten Umweltschutzmaßnahmen vor Ort einhergehen ++ Schutzmaßnahmen der EU sollen irreversible Schäden verhindern und sie nicht erst im Nachhinein dokumentieren ++ Die „Flamingo Revolution“ dauert nun schon mehr 105 Tage in Folge, die Proteste finden weiterhin statt ++

Im Sand wird eine Straße gebaut, zahlreiche LKW und ein Bagger sind zu sehen.

Bauarbeiten im Vjosa-Delta waren im Mai 2026 Auslöser für die immer noch anhaltenden Proteste in Albanien.

© PPNEA
Ein Flamingo Schwarm in der Narta Lagune

Flamingos bevölkern in großer Zahl das Vjosa-Delta, das ein bedeutender Rast- und Nistplatz für Vögel ist.

© Erika Gambos
Demonstrierende mit Flamingos aus Pappmaché bei Protest in Albanien

Parade der Papp-Flamingos: Seit über 105 Tagen machen Protestierende in Albaniens Hauptstadt Tirana täglich von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch.

© Trivet Studio

Radolfzell, Tirana – Ein Jahr ist vergangen, seit das Kapitel 27 (Umwelt und Klimawandel) in den EU-Beitrittsverhandlungen mit Albanien eröffnet wurde. Doch die Fortschritte bei der Übernahme der EU-Regularien gehen in der Praxis nicht mit einem entsprechenden Umweltschutz einher. Die Bauaktivitäten in und um das Schutzgebiet Vjosa-Narta, welche die sogenannte „Flamingo-Revolution“ ausgelöst haben, sind zum bedeutendsten Testfall dafür geworden, ob die EU-Umweltschutzmaßnahmen während der laufenden Beitrittsverhandlungen irreversible Schäden verhindern können.

Versagen der Umweltpolitik  

In den vergangenen Jahren hat eine Reihe von Entscheidungen zum Schutzgebiet Vjosa-Narta Schwachstellen in der Umweltplanung und Entscheidungsfindung offenbart. Beispiele hierfür sind der Bau des internationalen Flughafens Vlora innerhalb des Landschaftsschutzgebiets Vjosa–Narta, die Nicht-Einbeziehung des Vjosa-Deltas in den Vjosa-Wildfluss Nationalpark, die Bauaktivitäten für ein Tourismusresort in Zvërnec und insbesondere die umstrittenen Änderungen des Gesetzes über Schutzgebiete aus dem Jahr 2024.

„Alles zusammen genommen sind dies keine Einzelfälle, sondern ein Fallbeispiel für mangelhafte Umweltpolitik während des EU-Beitrittsprozesses. Die Bauarbeiten in Narta haben die Flamingo-Revolution ausgelöst, doch das Problem geht weit über eine einzelne Baustelle hinaus. Es stellt die Glaubwürdigkeit des Erweiterungsprozesses auf die Probe. Eine Diskussion über die Umweltverträglichkeitsprüfung kam zu spät, Alternativen werden nicht in Betracht gezogen, die Beteiligung der Öffentlichkeit bleibt begrenzt. Wenn diese Probleme während der Beitrittsverhandlungen weiterbestehen, stellen sie die Glaubwürdigkeit des Erweiterungsprozesses selbst in Frage“, sagt Aleksandër Trajçe, Geschäftsführer von PPNEA.

Zudem hat die albanische Regierung es wiederholt versäumt, den Empfehlungen der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments, der Berner Konvention und des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder Tierarten (CMS) sowie der Zivilgesellschaft nachzukommen.

Risiko irreversibler Naturschäden

Was die Umweltpolitik von anderen Verhandlungskapiteln unterscheidet, ist die Tatsache, dass ökologische Schäden irreversibel sein können. Verfahren und Gesetze lassen sich später korrigieren, zerstörte Lebensräume und Ökosysteme hingegen möglicherweise nicht.

„Kapitel 27 darf nicht zu einem Mechanismus werden, mit dem Umweltschäden erst im Nachhinein dokumentiert werden. Seine Schutzmaßnahmen müssen früh genug greifen, um zu verhindern, dass irreversible Schäden zum neuen Status quo werden. Es geht dabei nicht darum, Albaniens Beitritt zu verzögern, sondern darum, ihn wirksam umzusetzen“, sagt Viktor Berishaj, Senior Policy Officer bei EuroNatur.

Die Flamingo-Revolution bringt Kapitel 27 auf die Straße

Vor einem Jahr wurde beschlossen, Verhandlungen mit Albanien über Kapitel 27 aufzunehmen. Dabei wurden einige zentrale Vorgaben festgelegt. Nun, im Jahr 2026, versammeln sich die Bürger in Tirana seit mehr als 105 Tagen in Folge täglich in großer Zahl, um gegen Entwicklungen zu protestieren, die nicht nur den Lebensraum Vjosa-Narta, sondern Ökosysteme im ganzen Land bedrohen. Die Menschen machen von ihrem Recht Gebrauch, friedlich zu demonstrieren, ihre Meinung zu sagen und ihre Hoffnung auf einen baldigen EU-Beitritt zum Ausdruck zu bringen. Sie werfen dabei die umfassendere und wichtigste Frage im EU-Beitrittsprozess auf: Wird „geschützt“ tatsächlich auch „geschützt“ bedeuten?

Jahr zwei: Vorbeugen, überprüfen und bewerten

Der weitere Fortschritt auf dem Weg Albaniens zum Beitritt sollte auf den folgenden Empfehlungen basieren:

  • Verhindern und überarbeiten – Keine weiteren Eingriffe, solange die rechtlichen Rahmenbedingungen für Schutzgebiete (die aktuell groß angelegte Infrastrukturmaßnahmen innerhalb von Schutzgebieten ohne vorherige Umweltverträglichkeitsprüfung zulassen) ungeklärt bleiben. Im Juni dieses Jahres forderte das Europäische Parlament ein Moratorium für neue Genehmigungsverfahren, Bauarbeiten und Entwicklungsmaßnahmen in Schutzgebieten, bis die fraglichen Bestimmungen des Gesetzes über Schutzgebiete außer Kraft gesetzt sind und den EU-Naturschutzstandards entsprechen.
  • Überprüfung  – Internationale Verträge und die daraus abgeleiteten Empfehlungen müssen umgesetzt und ihre Umsetzung unabhängig überprüft werden, anstatt nur weitere Zusicherungen abzugeben. Die Berner Konvention bietet die Möglichkeit einer unabhängigen Bewertung vor Ort, einschließlich bereits eingetretener Auswirkungen sowie der Referenzbedingungen, die für künftige Umweltverträglichkeitsprüfungen erforderlich sind.
  • Zwischenbewertung  – Das erste Jahr macht deutlich, dass im Rahmen von Kapitel 27 eine Zwischenbewertung der Umweltpolitik erforderlich ist. Den Fortschritten am Verhandlungstisch sollten nachweisbare Fortschritte vor Ort entsprechen, einschließlich ihrer wirksamen Anwendung und Durchsetzung, Umweltverträglichkeitsprüfungen, der Beteiligung der Öffentlichkeit und der Umsetzung internationaler Empfehlungen.

Hintergrundinformationen:

  • Im Jahr 2024 hat Albanien sein Gesetz über Schutzgebiete geändert und damit bestimmte Tourismus- und Entwicklungsprojekte innerhalb von Schutzgebieten zugelassen. Umweltorganisationen, Wissenschaftler und europäische Institutionen haben diese Änderungen kritisiert.
  • Am 16. September 2025 nahm die EU offiziell Beitrittsverhandlungen mit Albanien über Cluster 4 auf, darunter auch Kapitel 27 zu Umwelt und Klimawandel. Während dies als Meilenstein auf Albaniens Weg zur EU-Mitgliedschaft gefeiert wurde, bezweifelten EuroNatur und PPNEA, dass dieser Schritt angesichts der Rückschritte Albaniens im Naturschutz zum richtigen Zeitpunkt erfolgte und glaubwürdig sei.
  • Im Mai 2026 lösten bauliche Maßnahmen im Zusammenhang mit Tourismusprojekten im Schutzgebiet Vjosa–Narta, insbesondere in Zvërnec, landesweit große Besorgnis in der Bevölkerung und friedliche Proteste in ganz Albanien aus. Die daraus entstandene Flamingo-Revolution dauert bereits seit mehr als 105 Tagen an.

Kontakt:

Anja Arning | EuroNatur | anja.arning(at)euronatur.org

Lorena Pyze Xhafaj | PPNEA | l.pyzexhafaj(at)ppnea.org

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