LIFE, das Förderprogramm der Europäischen Union zum Umwelt , Natur- und Klimaschutz, ist das Rückgrat des europäischen Naturschutzes. Doch es steht unter Beschuss, vor allem von konservativen und rechtspopulistischen Kräften in der EU.
Rückgrat des europäischen Naturschutzes in Gefahr
Seit mehr als drei Jahrzehnten ist das EU‑LIFE‑Programm der Motor für praktischen Naturschutz in Europa. Kein anderes europäisches Instrument hat dazu beigetragen, so viele Moorflächen wiederzuvernässen, Flüsse zu renaturieren, bedrohte Arten zu retten und Kommunen dabei zu unterstützen, sich gegen die Folgen der Klimakrise zu wappnen. Mehr als 6.000 Projekte hat LIFE europaweit bislang ermöglicht – und jedes einzelne zeigt, wie ambitionierte Naturschutzpolitik vor Ort Realität wird.
LIFE ist das Förderprogramm der Europäischen Union zum Umwelt‑, Natur- und Klimaschutz. Seit 1992 stärkt es die Biodiversität – etwa durch das europaweite Natura 2000‑Netzwerk und fördert innovative Lösungen für Klimaanpassung. Dabei ist das Budget von gut 5,4 Milliarden Euro (2021–2027) erstaunlich klein und sagt einiges über die Priorisierung von Natur- und Umweltschutz in der Europäischen Union aus: Lediglich 0,3 Prozent des EU‑Haushalts fließen in das wirksamste Umweltschutzinstrument Europas.
Warum ist LIFE so wichtig? Weil es genau dort ansetzt, wo Natur unter Druck steht: in unseren Flussauen und Mooren, auf Agrarflächen und in Wäldern, in Meeresgebieten und Gebirgszügen. LIFE hat europaweit Maßstäbe gesetzt und seinen Mehrwert unter Beweis gestellt, indem es die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg gestärkt hat, wo Maßnahmen im Rahmen nationaler Programme oft nur begrenzt möglich sind. Gerade bei EuroNatur, wo wir genau diesen grenzübergreifenden Aspekt des Naturschutzes praktizieren, konnten wir dank LIFE wichtige Projekte mit unseren Partnern in verschiedenen Ländern Europas umsetzen.
Dunkle Wolken bedecken den Himmel (im serbisch-bulgarischen Grenzgebiet): Symbolbild für das LIFE-Programm, das massiv unter Beschuss steht.
Europas Wäldern geht es so schlecht wie vielleicht noch nie. Dabei sind die Wälder nur eine von etlichen Baustellen der europäischen Naturschutzpolitik.
Umso alarmierender ist der politische Druck, unter den das Umwelt- und Naturschutzprogramm jüngst geraten ist. Für den kommenden EU‑Finanzrahmen ab 2028 steht LIFE zur Disposition. Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, LIFE aufzulösen und die Themen Klimaschutz, beziehungsweise Biodiversität in zwei unterschiedliche, viele Aspekte umfassende Fonds zu integrieren – ohne spezifisches Budget, Zweck oder Mandat und ohne mehrjährige Programmplanung.
Was bedeutet das? Natur‑ und Klimaschutz würden ihren klaren institutionellen Anker verlieren und künftig mit zahlreichen anderen politischen Zielen in zwei sehr großen Fonds um Aufmerksamkeit und Mittel konkurrieren. Ohne eigene Budgetlinie drohen insbesondere langfristige Schutz‑ und Renaturierungsprojekte an Kontinuität zu verlieren oder ganz zu entfallen. Insbesondere die gezielten Maßnahmen zum Erhalt der biologischen Vielfalt, zum Schutz bedrohter Arten und zur Stärkung widerstandsfähiger Ökosysteme würden geschwächt, obwohl sie entscheidend sind, um dem Artensterben entgegenzuwirken und die Folgen der Klimakrise abzumildern.
Genau das zeigt, dass gerade jetzt mehr Naturschutz nötig ist, nicht weniger. Über 80 Prozent der Lebensräume in der Europäischen Union befinden sich in einem schlechten Zustand, Extremwetterereignisse nehmen zu, Arten verschwinden in rasantem Tempo. LIFE liefert Lösungsansätze auf alle diese Herausforderungen.
LIFE ist mehr als ein bloßer Budgetposten im EU-Haushalt. Es ist das Herzstück einer lebendigen europäischen Naturschutzpolitik. Und dieses Herz darf nicht stillstehen.
Tess Hartmann-Hergott, EuroNatur EU Policy Officer - Biodiversitätsfinanzierung
Widerstand wächst
Im Rahmen des Deutschen Naturschutztages in Berlin (10.-14. März 2026) haben mehrere Naturschutzorganisationen Stellung gegen die Pläne der EU-Kommission bezogen. Auch Leonie Kraut und Christian Stielow von EuroNatur fordern: "Hände weg von der Natur!"
Gegen die Pläne der Europäischen Kommission formiert sich allerdings ein breites Bündnis: Mehr als 820 europäische Organisationen und Verbände – darunter auch EuroNatur –, Kommunen und Hochschulen fordern die Fortführung des Programms als eigenständiges Instrument. Sie warnen vor einem „schweren Schaden für Europas Fähigkeit, Natur zu schützen und Gemeinschaften klimafit zu machen“.
Würde LIFE abgewickelt, verlöre Europa nicht nur ein entscheidendes Förderinstrument; es verlöre seinen praktischen Hebel, Naturschutz im Alltag der Menschen wirksam zu verankern. Es verlöre das Programm, das Mooren Wasser zurückgibt, Flüsse aus ihrem Betonkorsett befreit, Wälder resilienter macht, seltene Arten schützt und Gemeinden dabei hilft, Hitzewellen, Dürreperioden und Überschwemmungen zu bewältigen. Europa würde die Vision eines nachhaltigen Kontinents und seine internationale Glaubwürdigkeit als Vorreiter im Natur- und Klimaschutz verlieren. Das darf nicht passieren.
Aktiv werden!
Gemeinsam mit einem breiten Bündnis anderer Natur- und Umweltschutzorganisationen fordern wir von Europas Politikerinnen und Abgeordneten, die bestehenden Naturschutzgesetze zu verteidigen und weiterzuentwickeln, anstatt sie auszuhöhlen. Bitte unterzeichnen auch Sie die Petition (engl.) zum Schutz von Europas Natur und tragen Sie zum Erfolg der EU-weiten „Hands Off Nature“-Allianz (Hände weg von der Natur) bei: handsoffnature.eu
So vielvältig wie Europas Natur selbst: LIFE-Projekte mit EuroNatur-Beteiligung
Ob Geier, Luchse oder Europas seltenster Singvogel: EuroNatur war in der Vergangenheit und ist gegenwärtig an zahlreichen LIFE-Projekten beteiligt. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl erfolgreicher EU-geförderter Artenschutzprojekte.
Nach sieben Jahren haben wir gemeinsam mit unseren Partnern im Jahr 2022 das LIFE-Projekt zur Wiederansiedlung von Mönchsgeiern im bulgarischen Balkangebirge erfolgreich abgeschlossen. EuroNatur hat das Artenschutzprogramm vor allem mit Expertise im Bereich der natürlichen Regionalentwicklung auf dem Balkan bereichert. Das Projekt „Vultures Back to LIFE“ hat seit 2015 daran gearbeitet, Europas größten Geier wieder heimisch zu machen. Obwohl der geografische Fokus des Projekts verhältnismäßig überschaubar war, spielte die internationale Zusammenarbeit auch hier eine wichtige Rolle. In Spanien gerettete, beziehungsweise europaweit in Zoos gezüchtete Jungvögel wurden in den Höhenzügen des Balkangebirges ausgewildert, wo die Art in den 1980er‑Jahren durch Giftköder, Nahrungsmangel und Lebensraumverlust verschwunden war. Heute schaffen gesicherte Stromleitungen, Futterplätze und geschützte Brutbäume die Grundlage für das langfristige Überleben der Mönchsgeier in Bulgarien, deren Bestände weiter ansteigen. Trotz des positiven Trends bleiben Risiken durch illegale Giftköder nach wie vor bestehen. Das Projekt bildete den Auftakt zu weiteren Wiederansiedlungsprojekten von Geiern auf der Balkanhalbinsel mit dem Ziel, die Geierpopulationen von der Iberischen Halbinsel bis zur Krim zu vernetzen und zu stabilisieren.
Ende des 19. Jahrhunderts verschwand der Luchs in Europa aus weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes – ausgerottet durch Jagd, Lebensraumverlust und den Rückgang seiner Beutetiere. In den Dinariden gab erst die erfolgreiche Wiederansiedlung in den 1970er-Jahren Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Doch dieser währte nur kurz: Die kleine, isolierte Population litt zunehmend unter Inzucht. Die genetische Vielfalt der Luchspopulation in den Dinariden schrumpfte dramatisch; ein zweites Aussterben rückte gefährlich nah. Um das zu verhindern, startete 2017 ein Vorhaben, das heute als eines der erfolgreichsten Artenschutzprojekte Europas gilt: „LIFE Lynx“. Das Projekt hatte ein klares Ziel: die vom Aussterben bedrohte Dinariden-Alpen-Luchspopulation durch gezielte genetische Auffrischung und langfristige Schutzstrategien zu retten.
Dafür wurden Luchse aus stabilen Quellpopulationen in den Karpaten nach Slowenien und Kroatien umgesiedelt. Begleitet wurde diese Maßnahme durch ein umfassendes Monitoring mit Hilfe von Fotofallen, Telemetrie und genetischen Analysen. Entscheidend für den Erfolg von LIFE Lynx war die enge Zusammenarbeit mit Jägern und Försterinnen sowie mit Gemeinden und Schulen, um Akzeptanz zu schaffen und Konflikten vorzubeugen. Heute streifen wieder 120 bis 130 Luchse durch die Dinariden und es wurde ein wichtiger Schritt in Richtung Vernetzung mit der Population in den Alpen unternommen.
Der Seggenrohrsänger ist Europas seltenster Singvogel – sein einst typischer Gesang in den Seggensümpfen Osteuropas droht zu verstummen. Denn die Feuchtgebiete, auf die er angewiesen ist, verschwinden seit Jahrzehnten aufgrund intensiver Nutzung und Entwässerung. Das Projekt „LIFE4AquaticWarbler“, das von 2024 bis 2033 läuft, will den Trend umkehren. In fünf Ländern – von Litauen über Polen und die Ukraine bis nach Ungarn und Deutschland – werden rund 4.000 Hektar Moor- und Wiesenlebensräume wiedervernässt, entbuscht und somit langfristig gesichert. Außerdem sollen zahlreiche Jungvögel gezielt in revitalisierte Gebiete umgesiedelt werden, um frühere Brutplätze zurückzuerobern.
Das LIFE-Projekt zur Rettung des Seggenrohrsängers schützt weit mehr als nur einen kleinen braunen Vogel: Etliche andere Tier- und Pflanzenarten profitieren von den Schutzmaßnahmen. Zudem speichern wiedervernässte Moore enorm viel Kohlenstoff – ein wichtiger Beitrag gegen die Klimakrise. Gemeinsam mit dem Schwesterprojekt „LIFE AWOM“, das Rastplätze entlang der Zugroute des Seggenrohrsängers wiederherstellt, entsteht ein länderüberschreitendes Schutzgebietsnetz für den Seggenrohrsänger.
Braunbären zählen zu den eindrucksvollsten Wildtieren Europas – und doch wird ihr Lebensraum seit Jahrzehnten zerschnitten, übernutzt oder vollständig zerstört. In der Dinariden-Pindos-Region auf dem Westbalkan hält sich heute eine der letzten großen Bärenpopulationen Europas: rund 4.000 Tiere, die sichere Rückzugsräume, ausreichend Nahrung und ungestörte Wanderkorridore benötigen. Um diese Bedingungen langfristig sicherzustellen, ist 2026 ein neues, ambitioniertes Naturschutzvorhaben gestartet: „LIFE DinPin Bear“.
Koordiniert von EuroNatur vereint das Projekt 20 NGOs und staatliche Behörden aus neun Ländern des Balkans. Ihr gemeinsames Ziel: die Zukunft der Braunbären grenzübergreifend sichern – wissenschaftlich fundiert, politisch abgestimmt und lokal verankert. Dafür werden die Bärenbestände systematisch überwacht, entscheidende Verbindungskorridore kartiert und Maßnahmen entwickelt, um die weitere Zerschneidung der Lebensräume zu stoppen.
Ein Schwerpunkt des LIFE-Projekts liegt auf der konfliktarmen Koexistenz von Mensch und Bär. Spezielle Interventionsteams, Präventionsprogramme und die Entwicklung sogenannter „Bear Smart Communities“ sollen bestehende Konflikte spürbar reduzieren und künftige vermeiden. Gleichzeitig arbeitet das Projekt eng mit Behörden, Forschungseinrichtungen und Gemeinden zusammen, um Managementpläne zu modernisieren und länderübergreifende Strategien zu stärken. Mit diesem breiten Ansatz will „LIFE DinPin Bear“ in den kommenden fünf Jahren entscheidende Impulse für den Bärenschutz in Europa setzen.
Autor: Christian Stielow hat in seiner Zeit bei EuroNatur bereits mehrere LIFE-Projekte öffentlichkeitswirksam begleitet, aktuell das Projekt zur Rettung des Seggenrohrsängers. Er hofft, dass die EU-Kommission vom momentanen Irrweg noch abweicht.